f Die Nordburg ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 27. März 2012

Die Nordburg



Wir kennen unsere Landschaft als eine Mischung von Wiesen, Feldern, Kiefernwäldern und Dörfern. Es bereitet uns keine Probleme ins Auto zu steigen und 15 Kilometer zum Einkaufen zurück zu legen, dabei begradigte Flüsse zu passieren und auf befestigten Landstraßen schnell gen Ziel zu fahren. Uns scheint es unvorstellbar welchen Umständen unsere Vorfahren bei derartigen Unterfangen ausgesetzt gewesen sein mochten.
Dieser Eintrag soll die Geschichte der Nordburg näher erläutern. Dabei werde ich sowohl auf die damaligen Zustände als auch auf die heutigen zu sprechen kommen.

Wie schon der Name sagt handelt es sich bei der Nordburg um eine "Burg". Sie war aber keine "Ritter-"Burg so wie es einem nun in den Sinn kommen mag. Vielmehr war sie ein Zufluchtsort, ein befestigter Platz der Schutz gegen einfallende Feinde bieten sollte.
Annahmegemäß war die Nordburg die nördlichste Burg des Bistums Hildesheim. Zumal das "Flotweddel" (= Flot von "Fließen" und Weddel von "Widdi" = "Wald" --> sinngemäß für feuchte Wälder) um 900 zum Bistum Hildesheim gehörte, erscheint das plausibel.
Der Theorie nach bildete die Burg eine Verteidigung gegen die Wenden (Definition, Geschichte der Wenden). Die Wenden waren in weiten Teilen Nord- und Ostdeutschlands heimisch. Sie waren ein slawischer Volksstamm der aufgrund seiner "heidnischen" Abstammung oft in Konflikte mit den christlichen Provinzen geriet. Orte wie "Wendeburg" oder das "Wendland" geben heute noch wieder wo das Volk einst heimisch war.

Ortsbeschreibung:

Nordburg liegt etwa 7 Km östlich von Wienhausen und ca. 3 Km hinter Schwachhausen. Im Süden liegen die bewaldeten Dünen der Aller. Im Norden liegt das Schwarzwasser. Weiter im Norden liegen die morastigen Allerdreckwiesen. Bis zur Begradigung beider Flüsse war die Gegend um Nordburg sehr feucht. Eine Burganlage war dort sehr schwer einnehmbar.

Geschichtliche Entwicklung:

Um 993 errichtete Bischof Bernward am äußersten Rand seines Bistums ("wo Oker und Aller zusammenfließen") eine Verteidigungsanlage gegen Slaweneinfälle (Wenden), welche er mit bewaffneten (sog. "Gewappneten") Truppen versah. Diese Burg, die Mundburg, wurde lange Zeit an der heutigen Okermündung bei Müden (heutiges Gut Dieckhorst) vermutet. Zu jener zeit jedoch floss die Oker nicht bei Müden in die Aller, sondern zwischen dem heutigen Bockelskamp und Wienhausen. Anhand von Sedimentation und Dünenaufwerfungen im Raum Langlingen - Wienhausen - Sandlingen ist der alte Flussverlauf noch heute nachvollziehbar. Wenig später ließ Bernward auch noch bei Wahrenholz, weiter im Norden eine derartige Schutzburg errichten. Diese Burg bei Wahrenholz lag an einer alten Handelsstraße aus Richtung Wittingen. Die Burg bei Wahrenholz sicherte die einzig passierbare Stelle im sonst moorigen Gelände und war somit hervorragend geeignet um die nördlichsten Grenzen des Bistums Hildesheim vor einfallenden Horden zu schützen. Neure Theorien besagen, dass die Mundburg (ursprünglich Müden) bei Wienhausen zu vermuten sei, da sie dort ebenfalls in der Lage gewesen wäre die Handelsstraße an anderer Stelle zu schützen. Für diese Theorie spricht sowohl der Beweis des alten Flussverlaufes der Oker, als auch noch ein anderer Aspekt. Wienhausen wurde um 1053 durch Kaiser Heinrich III Markt- und Münzrecht verliehen. Das Münzrecht war ebenso eine wichtige Eigenschaft der früheren Mundburg und der Burg bei Wahrenholz gewesen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Die Mundburg und Wienhausen enger miteinander verknüpft sind, als angenommen.

Im Jahre 1202 fiel die Gegend des Flotwedel durch Erbteilung unter den Söhnen Heinrich des Löwen dem Pfalzgrafen Heinrich zu. Ob nun die Nordburg zu einem angelegten System mehrerer Burgen gehörte die zum Schutz gegen die Wendeneinfälle angelegt wurde, bleibt offen.
Es bestehen Theorien, dass die alte Burg abgetragen wurde und in Schwachhausen wieder aufgebaut wurde. Laut zuverlässigen Quellen waren die Ackerböden bei Schwachhausen wesentlich fruchtbarer und besser zu bewirtschaften. Aus der reinen Kartenauswertung scheint dies schlüssig zu sein, denn Schwachhausen liegt "unterhalb" der Allerschleife. Ein Hochwasser wird also immer in Richtnung Nordburg gedrückt, während Schwachhausen und Offensen nur wenige Hochwasser zum Verhängnis wurden. Es wäre plausibel, dass die Nordburg am Standort des alten Rittergutes in Schwachhausen wieder aufgebaut worden sein könnte. Das ist jedoch rein spekulativ.

Es ist jedoch bekannt, dass Schwachhausen und Nordburg sehr eng miteinander verknüpft sind.

Schwachhausen und Nordburg:

Im 14. und 15. Jahrhundert lebte vermutlich ein Zweig der Familie v. Hodenberg auf der Nordburg. Sie gehörten zum Niedersächsischen Uradel (Informationen dazu). Wilhelm v. Hodenberg war der letzte männliche Nachfahre dieses Familienzweiges. Als die Herren von Langeln ausstarben, fiel das Gut zu Schwachhausen (Rittergut Schwachhausen) dem Wilhelm v. Hodenberg zu Lehen. Er war zwar der letzte männliche Abkömmling seiner Familie, hatte aber eine Tochter: Sophie Ilse v. Hodenberg. Diese heiratete den Süddeutschen Schenk von Winterstedt. Dieser wurde später Gutsherr über die Nordburger Bauern. An dieser Stelle schließt sich der Kreis.
Auf der einen Seite haben wir Nordburg, dass über eine alte Burganlage verfügte. Diese wurde jedoch im Zeitablauf mehr und mehr überflüssig, als die Zeiten sicherer wurden. Auf der anderen Seite haben wir den Langlinger Besitz an fruchtbaren Böden in Schwachhausen. Wie die von Hodenbergs in den Besitz der Nordburg kamen ist nicht sicher belegt. Sie waren jedoch schon seit jeher ein einflussreiches Adelsgeschlecht. Ihr Ihr Besitz ging in den der Schenk v. Winterstedt über.

Heutige Burg:

Heute ist die Burganlage in Nordburg immer noch begehbar und wird häufig besucht. Warum? - Der Friedhof liegt heute auf dem Gelände.
Der Glockenturm in der Mitte des heutigen Friedhofs ist auf alten Fundamenten des Wehrturms erbaut. Die Steine die dort das Fundament bilden wurden sehr häufig zum Burgenbau in der Gegend verwendet.




Man erkennt heute noch den Wall und einen Teil des Grabens. Auffällig ist der große Durchmesser der Anlage. Für eine reine "Fluchtburg" ist dies zu groß.




Schon in frühster Zeit ist von dem Friedhof in Nordburg die Rede. Zumal Wienhausen schon alleine wegen des Zisterzienser-Klosters nach 1300 eine Vormachtstellung einnahm und auch Offensen und Schwachhausen nicht über eigene Friedhöfe verfügte, ist verwunderlich, dass Nordburg einen eigenen Friedhof besitzt. Es kann vermutet werden, dass eine Bestattung der Toten in Nordburg selber notwendig wurde, wenn die Aller über längere Zeit über ihre Ufer trat.
Nach der Aller-Begradigung und dem Brückenbau bei Schwachhausen nahm die Landschaft ein gänzlich anderes Bild an. Heute kann man die Burg nicht mehr als solche erkennen. Daher ist es sinnvoll hier über sie zu berichten.


Vor - Fazit und meine eigene "Burgen-Theorie":

Alle der aufgeführten Theorien sind plausible Rückschlüsse, die auf geografischen, logischen und anthropologischen Schlüssen beruhen. Aber es bleibt dahin gestellt, ob die Mundburg, die Nordburg und die Burg bei Wahrenholz in einem so engen Zusammenhang standen. Vielleicht waren es auch nur "Polizeistationen" um bei einem Überfall informiert und gewarnt zu sein und wenigstens einige Truppen vor Ort zu haben.
Da es zur Mundburg bei Wienhausen bisher keine archäologischen Funde gibt, bleibt dies vorerst ein Mythos - auch wenn es plausibel erscheint aus heutiger Sicht. Ob die Nordburg eine echte Verteidigungsanlage war, oder nur der Nordburger Bevölkerung Schutz bieten sollte, ist nicht bekannt. Allerdings sprechen die Umstände für eine größere Anlage. Erstens war das Ackerland in Nordburg nicht besonders gut und zweitens war die Burganlage für das kleine Nordburg damals viel zu groß.

Ich stelle mal meine eigene Theorie auf was die Burg angeht.


Hier haben wir Hildesheim in der Mitte. Die Burgen darum herum sind Teil meiner Theorie.
Diese stützt sich auf der These eines "Verteidigungswalles" um Hildesheim.
Von der Mundburg gehe ich in meiner Theorie stark davon aus, dass es sinnvoll ist, sie bei Wienhausen zu vermuten. Betrachtet man eine Karte der Gegend, so erkennt man, dass Wienhausen, Nordburg und Wahrenholz eine fast waagerechte Linie bilden. Müden läge südlich zwischen Nordburg und Wahrenholz. Ein dortiger Standort ergäbe wehrtechnisch keinen Sinn.

Die beiden anderen Burgen sind Sassenburg und Vienenburg. Wobei Vienenburg und nahe liegende Burgen nachweislich unter der Herrschaft und dem Auftrag Hildesheimer Bischöfe entstanden (Vienenburg). Zwar liegen mehr als 200 Jahre zwischen der Entstehung der Burgen Wienhausen-Nordburg-Wahrenholz und der Vienenburg, jedoch dürften sie alle das Ziel gehabt haben Hildesheim zu schützen. Sassenburg ist eine sächsische Verteidigungsanlage die um 1300 entstand. Fraglich ist aber, ob es nicht dort schon vorher eine Burg gab. Möglicherweise wurde die sächsische Burg nur auf eine vorher entstandene, günstig gelegene Burganlage gebaut.
Die drei Burgen im Norden - die Linie "Wienhausen-Nordburg-Wahrenholz" scheint sehr naheliegend als eine mögliche Verteidigungslinie. Die Burgen hätten alle nur eine Entfernung von 8-10 Km gehabt, was sicherlich kein Zufall war.
Ich weise darauf hin, dass dies lediglich eine Theorie ist. Es müssen solche Theorien aufgestellt werden, damit es einen Grund gibt sie zu widerlegen zu versuchen.

Leider sind in diesem Beitrag recht wenig Bilder zu sehen. Auf Funde sind hier nicht enthalten. Gäbe es nachweisbare Funde, so wären sie von enormer wissenschaftlicher Bedeutung, denn sie würden eine der Theorien um die Burgen im Raum Wienhausen/Nordburg/Müden beweisen.

Ich werde diesen Artikel sicherlich noch einmal überarbeiten, sobald mir neue Erkenntnisse vorliegen.


Viele Grüße,

S.t.a.l.k.e.r.





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4 Kommentare:

  1. Zu deiner Linie "Wienhausen-Nordburg-Wahrenholz"
    Könnte die Burg in Altencelle auch passen, zeitlich kommt das hin.

    Ich lese hier immer wieder gern.
    Gruß Wolla

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  2. Hallo,
    Bezüglich Mundburg und Wienhausen muss
    ich auf einen wiedersprüchliche Annahme hinweisen.
    Die Argumentation ist in der Weise nicht plausibel.
    Wenn die Mundburg, die um das Jhr 990 entstanden ist
    mit einem Münzrecht ausgestattet war, warum soll dann Wienhausen
    wenn es denn der gleiche Standort sein sollte noch einmal 1053 ein
    Münzrecht erhalten?
    Es gibt noch weitere nicht mehr vorhandene "Burgen" im Gebiet der Okermündung:
    z.B. die "Garsenburg" in Gerstenbüttel; und obwohl sie späteren Ursprungs ist kann sie
    auf bestehendem Material errichtet worden sein.
    Ob der Standort je ermittelt werden kann ist ungewiss, jeder mittlere Hügel zwischen Gerstenbüttel und Schepelse könnte die Mundburg beherrbergt haben, obwohl es für
    eine Münzstätte sicher mehr als eine Palisaden"burg" mit Holzhütten benötigt hätte.
    Ferner ist vom Wienhäuser Kloster bekannt, dass die Erstgründung nach
    wenigen Jahren aufgegeben wurde und erst dann an jetziger Stelle neu aufgebaut wurde.
    Einen weitereren Einwand erlaube ich mit bezüglich der Namensgebung. Warum
    sollte ein bestehender Name (von einem Bischof verliehen) einfach untergehen.
    Die Geschichte zeigt, dass Namen an die zeitlichen Gegebenheiten und Mundarten angepasst wurden, das passt dann schon eher auf Müden.

    OSChr

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    1. Hallo Helle,

      besten Dank für den Beitrag. Grundsätzlich kann wohl nur der eindeutige Fund der Mundburg ihren tatsächlichen Standort zweifelsfrei belegen.

      Wienhausen erhielt das Münzrecht, wie auch das Zollrecht, Schifffahrtsberechtigungen und das Recht zum Markt erst später. Allerdings werden diese Privilegien nicht zufällig an Wienhausen vergeben worden sein. Zumal das Kloster erst im 13. Jahrhundert in Wienhausen gegründet wurde, muss es einen anderweitigen Grund für die Zuweisung solch hoher Privilegien gegeben haben. Es wurde daher die These aufgestellt, dass Wienhausen bereits mit Errichtung der Mundburg eine herausragende Position in der Region eingenommen haben könnte. Allerdings können die faktischen Stadtrechte Wienhausens nicht die Existenz der Mundburg vor Ort belegen, sondern würden sich vielmehr aus diesen herleiten.

      Es ist korrekt, dass Baumaterial zu jeder Zeit desöfteren mehrfach wiederverwendet wurde. Allerdings handelte es sich, wenn man sich den typischen Aufbau frühmittelalterlicher Burgen in der Region ansieht, sehr wahrscheinlich um eine Anlage, die aus einem oder mehreren Gräben bestand. Ob darüber hinaus auch Materialien wie Raseneisenstein zu Einsatz kamen ist nicht überliefert - wäre jedoch plausibel. Auch wenn Baumaterial entfernt worden sein sollte, wären die Grabenanlagen wohlmöglich noch lange sichtbar und vermutlich bis heute nachweisbar.

      Es ist nicht richtig, dass die Burg "auf jedem Hügel zwischen Gerstenbüttel und Schepelse" gestanden haben könnte. Aus der Beschreibung des Hildesheimer Bischofs Bernward geht unmissverständlich hervor, die Burg habe sich am Zusammenfluss von Oker und Aller befunden. Dieser lag einst jedoch nicht bei Müden, sondern zwischen Wienhausen und Bockelskamp. Schepelse scheint daher als Standort der Mundburg denkbar unwahrscheinlich.

      Hinsichtlich der Namensgebung muss beachtet werden, dass der Name nichts mit "münden", d.h. einer Flussmündung zu tun hat. Der Name der Mundburg geht vielmehr auf den Begriff "Mutha" (=Schutz) zurück.

      Darüber hinaus verweise ich auf:

      https://found-places.blogspot.de/2014/03/die-mundburg-analyse-und-auswertung-von.html


      Viele Grüße
      Hendrik

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  3. Hallo Hendrik,
    vielen Dank für die ausführliche Antwort.
    Heute habe ich den mundsburg-analyse-auswertungs-blog
    gefunden und mit viel Interesse gelesen.
    Es sind viele aufschlussreiche, für mich neue Aspeckte enthalten.
    Ich denke es müssen weitere Untersuchungen
    erfolgen um dem Rätsel des Standortes auf die Spur zu kommen.
    Vielleicht werden in der Zukunft neue Methoden
    das Geheimnis lüften.
    Vielen Dank
    OSChr

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