f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 15. Mai 2018

Die Knochenkämpe bei Wienhausen


Wo sich einst ausgedehnte Äcker und Weiden befanden, sind mittlerweile Wohnhäuser errichtet worden und asphaltierte Straßen entstanden. Das Landschaftsbild im südlichen Teil Wienhausens hat sich stark gewandelt. Im Laufe der Zeit verschwanden auch viele der traditionellen Flurbezeichnungen. So zeigen nur noch alte Karten die sogenannten "Knochenkämpe", die bislang in keiner schriftlichen Quelle Erwähnung finden... 

Flurbezeichnungen sind heute noch in vielen Gegenden verbreitet und geben Aufschluss insbesondere über die historische Landnutzung, Lage bestimmter Flächen sowie die Ortsgeschichte. Die Ortsbezeichnungen sind gelegentlich nicht ohne Weiteres mit heutigen Gegebenheiten in Einklang zu bringen und erfordern daher eine Deutung. Im Rahmen der Flurnamenforschung werden entsprechende Interpretationen und Muster gesucht, die es erlauben von bereits bekannten Ortsbezeichnungen auf unbekannte Namen zu schließen. 

In der südlichen Feldmark Wienhausens sind ebenfalls einige historische Flurnamen überliefert, die aus heutiger Sicht die Phantasie hinsichtlich historischer Ereignisse anregen mögen. So heißt eine der letzten Querstraßen vor dem Waldgebiet im Süden ("Sundern") Knokenriehe. Laut der Flurnamensammlung von F. Barenscheer war der ursprüngliche Name (= "Knöchernen Reihe"), (F. Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, S. 102). Eine Deutung / Interpretation für diese Bezeichnung gibt F. Barenscheer indes nicht. 

Bild: Knokenriehe, Straßenzug in Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2018. 

In der Vergangenheit gab es immer wieder Spekulationen, ob es in diesem Bereich früher einmal einen alten Friedhof aus Zeiten der Pest gegeben haben könnte. Dabei scheint der vermutete Zusammenhang zwischen der Pest und in dieser Zeit angelegten Friedhöfen möglicherweise deswegen besonders reizvoll, da genaue Überlieferungen fehlen. Die Lücken in der schriftlichen Überlieferung können vor diesem Hintergrund recht bequem gerechtfertigt werden - einerseits liegen die Pestepidemien schon eine beträchtliche Zeit zurück (1348 / 1350). Andererseits erscheint uns heute die Anlage von behelfsmäßigen Bestattungsplätzen im Zuge dieser Notlage durchaus plausibel. Der Zusammenhang wird daher regelmäßig hingenommen, ohne ihn weiter zu hinterfragen. 

Bereits in einem vorangegangenen Beitrag wurden die Ereignisse der Pest in Wienhausen untersucht. Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob es im Bereich der sogenannten "Elendswiese" und des "Schwarzen Hamm" früher einmal Bestattungen von Pesttoten gegeben haben könnte. Die Elendswiese war erst im Jahr 1820 vom Wienhäuser Kloster angekauft worden (Auskunft v. Klosterarchiv), doch könnte der Flurname bereits älter sein. Es soll dort einst ein Haus für die Pestkranken gegeben haben. Auch eine Kapelle, die dem heiligen St. Fabian geweiht war und sich östlich des Klosters befand, diente zur Bekämpfung der Pest. So wurden einige Messen hierher verlagert. Die Kapelle wurde bereits vor 1352 errichtet und schließlich im Jahr 1531 im Zuge der Reformation wieder abgerissen (Klosterarchiv Urk. 311a bzw. 363). Die Zusammenhänge wurden bereits erläutert (siehe hier). 

Genaue Ortsbeschreibungen für Pestfriedhöfe gibt es im Raum Wienhausen keine. Es liegt jedoch nahe, dass der Ort mit seinem Kloster eine Zufluchtsstätte für die Leidenden und Kranken bildete und dass entsprechende Friedhöfe tatsächlich angelegt worden sind - auch, um Ansteckungen zu vermeiden. Auch in späteren Zeiten diente das Kloster zu derartigen Zwecken, wie die teilweise noch vorhandenen Baulichkeiten zur Krankenpflege heute noch belegen können. 

Da uns heute nur wenige schriftliche Quellen aus der Zeit der Pest in Wienhausen vorliegen, bleibt die Annahme, die Knokenriehe sei ein Bezeichnung aus jenen Tagen, bis auf Weiteres reine Spekulation. Die vorhandenen Quellen, wie insbesondere die Wienhäuser Klosterchronik aus der Zeit der Äbtissin Luitgard III. (1342 - 1359) geben keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Knokenriehe und der Pest in Wienhausen. 

Der Wienhäuser Pastor W. Bettinghaus wertete im Rahmen seiner heimatkundlichen Forschungen ebenfalls viele Nachweise zur Pest in Wienhausen aus (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 44ff.). Allerdings gibt auch er keine schlüssige Erklärung für den Namen Knokenriehe an. 

Als besonders anschauliche Quelle im Bereich der Flurnamenforschung dienen unter anderem die Karten, die im Rahmen der sogenannten Verkoppelung gezeichnet wurden. Die Karten sind deswegen von unschätzbarem Wert, da sie - in verschiedenen Farben gezeichnet - sowohl den Stand vor der Verkoppelung, als auch den Stand nach der Verkoppelung ausweisen. Sie veranschaulichen somit die Landschaftsentwicklung sehr eindrucksvoll und geben demjenigen, der die Karten zu interpretieren vermag, einen einzigartigen Einblick in die Entstehung der heutigen Kulturlandschaft. 

Bild: Karte Langlinger Holz. Quelle: Verkoppelungskarte, Langlinger Holz, Planche 1, 1828. 

Für den südlichen Bereich Wienhausens liegt die Karte des Langlinger Holzes, Planche I., erstellt auf der Grundlage der Vermessung von F. H. J. Kaufmann im Jahre 1828 vor. Auf der Karte sind insbesondere Teile der Wienhäuser Feldfluren sowie die Lage der damaligen Wegverbindungen (z.B. Postweg und Lageweg) gut erkennbar. Südlich des Postwegs weist die Karte zwei Feldfluren mit der Bezeichnung "Knochen Camp" aus (s.o.). 

Für eine maßstabsgetreue Lokalisierung der Knochenkämpe ist es möglich die Verkoppelungskarte als Overlay in das aktuelle Satellitenbild zu referenzieren. Dabei fällt auf, dass sich die Knochenkämpe einst links und rechts am Weg nach Sandlingen lagen. Diesen Weg scheint es jedoch damals noch nicht gegeben zu haben. Als Verbindungsweg zwischen Wienhausen und Sandlingen wurde früher vorwiegend der sogenannte Wienhäuser Kirchweg genutzt. Allerdings deuten die Grenzen der damaligen Feldfluren darauf hin, dass sich zwischen den Feldern bereits entsprechende Wege befanden - auch wenn diese sicherlich nicht die Hauptwege darstellten. 

Bild: Referenzierung der Verkoppelungskarte. Quelle: Verkoppelungskarte, Google Earth, H. Altmann. 

Die Knochenkämpe tauchen namentlich weder in der Flurnamensammlung von F. Barenscheer auf, noch werden sie in der entsprechenden Aufstellung, die im Celler Stadtarchiv einsehbar ist, aufgeführt. Möglicherweise waren die Flurbezeichnungen nur auf der relativ früh gezeichneten Karte des Langlinger Holzes vermerkt und wurden auf der später entstandenen Verdoppelungskarte für die Gemeinde Wienhausen nicht mehr erwähnt. Es liegt somit möglicherweise ein Übertragungsfehler vor, der dazu führte, dass die Knochenkämpe bisher  in der Wienhäuser Flurnahmenbetrachtung keine Aufmerksamkeit erfahren konnten. 

Wie dem auch sei - es stellt sich natürlich die Frage in welchen zeitlichen und sachlichen Zusammenhang die Bezeichnung Knochenkamp einzuordnen ist. Hierfür können zunächst weitere historische Karten herangezogen werden. Die 1780 entstandene Kurhannoversche Landesaufnahme zeigt die Flächen südlich von Wienhausen noch als Acker- und Heideland. Inmitten der teils brachliegenden Landschaft zeit die Karte unter anderem den Krugkamp, der anteilig dem Wienhäuser Dorfkrug gehörte. 

Bild: südliche Wienhäuser Feldmark um 1780. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

Die Karte zeigt allerdings im Bereich der Knochenkämpe weder auffällige Markierungen noch erwähnt sie die Flurbezeichnung. 

In der späteren Entwicklung kam es zur Bepflanzung mit schnell wachsenden Fuhrengehölzen in der südlichen Feldflur. Weite Teile der alten Äcker wurden aufgegeben, da die sandigen Böden im Bereich der dortigen Fünenverwehungen nicht mehr ertragreich genug waren. Das Messtischblatt von 1899 zeigt die Flächen südlich des Postwegs bereist als Waldgebiet, so wie es uns heute bekannt ist. 

Bild: südliche Wienhäuser Feldmark um 1899. Quelle: Preuß. Messtischblatt, 1899. 

Damit befinden sich die Flächen, die in der Verkoppelungskarte von 1828 als Knochenkämpe erwähnt werden, in einer Entfernung von rund 1,3 km zum Kloster Wienhausen (Luftlinie). 

Heute ist das Gelände und die Flächen ringsum mit dichtem Wald bestanden - nur an wenigen Stellen sind noch kleinere Anhäufungen und Gräben erkennbar, die auf die einstigen Ackerflächen hindeuten können. Die Bezeichnung der Knochenkämpe ist restlos aus kartografischen Aufzeichnungen verschwunden und allgemein heute nicht mehr geläufig. 

Bild: Blick über Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2014

In Hinblick auf die lückenhafte Überlieferung scheint eine Datierung der Flurbezeichnung Knochenkämpe anhand von Karten schwierig. Weitere Rückschlüsse könnten sich allerdings aus der Auswertung anderweitiger Faktoren ergeben. 

Die Bezeichnung Knochenkamp ins Plattdeutsche übersetzt hieße "Knokenkamp" - die Ähnlichkeit zur weiter nördlich liegenden Knokenriehe ist sehr auffällig. Interessant ist, dass der Ortsname Knokenkamp früher durchaus überregional gebräuchlich gewesen ist. Beispielsweise erwähnt F. Woeste bereits 1882 diesen Ortsnamen im Zusammenhang mit "Kerkhof (= Kirchhof) oder Gottesacker sowie Kösterskämpen (= die Kämpe des Küsters)", (F. Woeste, Wörterbuch der westfälischen Mundart, 1882, S. 124). 

In der Chronik von Wülfinghausen findet der Knokenkamp ebenfalls in der Nähe zum Kloster Erwähnung (H. Stoffregen, Chronik von Wülfinghausen, 1. Teil - das Kloster, S. 1). Nach späteren Deutungen handelte es sich bei diesem Knokenkamp um das sogenannte "Knochenfeld", den Bereich einer alten Richtstätte (A. Ringeling, Unbeschriftete Gedenksteine, Zeitungsartikel 1963). 

Bild: Postweg südlich von Wienhausen; einst erstreckten sich hier Äcker. Quelle: H. Altmann, 2018

Der Zusammenhang zu Richtstätten erscheint mit Hinblick auf Wienhausen sehr weit hergeholt, da solche Plätze bisher für diesen Ort nicht bekannt sind. Allerdings hatte der Ort bereits im Jahr 1054 das Marktrecht mit Zoll, Münze, Gerichtsbarkeit sowie Fähr- und Schifffahrtsrecht durch Heinrich III. verliehen bekommen. Inwiefern diese rechts tatsächlich ausgeübt wurden, ist jedoch bislang nicht bekannt. 

Für die umliegenden Orte finden sich bis heute ebenfalls Hinweise auf mögliche ehemalige Gerichtsstätten, die bis heute keinen Niederschlag in der regionalhistorischen Forschung gefunden haben. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch hier ein solcher Bezug vorliegt. Die Annahme einer mittelalterlichen Richtstätte, die sogar zwei Begräbnisplatze (Knochenkämpe) erforderte, wobei jedoch keine Prozesse bzw. Hinrichtungen für diesen Ort bekannt sind, erscheint indes auf wackeligen Beinen zu stehen. 

Bild: Postweg südlich von Wienhausen. Quelle: H. Altmann, 2018

Das Begräbniswesen der Gemeinde Wienhausen lässt die Knoken- bzw. Knochenkämpe unerwähnt. W. Bettinghaus konstatierte in seiner 1901 explizit zur Gemeinde Wienhausen herausgegebenen Heimatkunde lediglich: 

"Von den ältesten Zeiten bis zum Jahr 1534 war der jetzige Pfarrgarten Begräbnisplatz für die Glieder der Gemeinde; von 1534 - 1788 war der Kirchhof östlich von der Kirche, wo jetzt das Organistenhaus und der Glockenturm stehen." 

Damit erschöpft sich das Wienhäuser Begräbniswesen auf Flächen, die sich nahe des Klosters befinden. Dies ist grundsätzlich typisch und entspricht dem damaligen Verlangen, dem Glaubenszentrum auch nach dem Tode möglichst nahe zu stehen. 

Dennoch scheint es außergewöhnliche Begräbnisse im Bereich Wienhausens gegeben zu haben, die bisher nur wenig Niederschlag in der lokalen Geschichtsschreibung gefunden haben. So war im Siebenjährigen Krieg offenbar eine erhebliche Anzahl französischer Soldaten in Wienhausen und den umliegenden Ortschaften stationiert, um die hier befindlichen Allerbrücken zu sichern. Die Ereignisse des Kriegswinters von 1757 / 1758 führten dazu, dass die französischen Regimenter die Aller schließlich überquerten und weiter in nordöstliche Richtung vorstießen. 

Im ehemaligen Jagdschloss, dass sich einst mitten in Wienhausen befand (siehe hier), war zu dieser Zeit ein Lazarett eingerichtet worden (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 52f.). 

Auch als die Truppen bereits weitergezogen waren, sollen in Wienhausen noch etliche französische Soldaten an Krankheiten und Seuchen gestorben sein. Ohne Angabe seiner originalen Quelle berichtet W. Bettinghaus in seiner Heimatkunde: 

"Im Winter 1757 auf 1758 starben sie in den Hospitälern zu Celle wie die Fliegen. Auf der Diele eines nahe bei einem Krankenhause gelegenen Hauses waren die Leichen wie Säcke mit Getreide aufgespeichert. Bis Februar 1758 sollen 5.000 - 6.000 Personen gestorben und im Wildgarten begraben sein..." 

Und weiter: 

"Auch unter den französischen Soldaten in Wienhausen brach die Seuche aus und (man) richtete das hiesige Jagdschloss als Hospital ein. Diejenigen, welche der Tode ereilte, wurden neben demselben im Garten begraben." (W. Bettinghaus, Zur Heimatkunde des Lüneburger Landes mit besonderer Berücksichtigung des Klosters und der Gemeinde Wienhausen, 1897, S. 52f.). 

Bild: Weg von Wienhausen nach Sandlingen heute; Lage der Knochenkämpe links und rechts des Weges. Quelle: H. Altmann, 2018

Könnte es sich bei den Knochenkämpen also möglichherweise um Bestattungsplätze aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges handeln? Wurden diese (Not-)Friedhöfe angelegt, um die Mengen an Toten Soldaten unterzubringen, die infolge der Kriegsauswirkungen zu Tode kamen? 

Diese Fragen wären sicherlich im Rahmen künftiger archäologischer Untersuchungen in Augenschein zu nehmen. Dabei wäre zu klären, ob die überlieferten Zahlen von 5.000 - 6.000 Toten überhaupt zutreffend sein können. Auch müsste in Erfahrung gebracht werden, ob die Toten unmittelbar im Bereich des Klosters im sogenannten Wildgarten beziehungsweise in der Nähe des einstigen Jagdschlosses bestattet wurden. 

Aus relativ aktuellen Schilderungen von Anwohnern der Knokenriehe war in der jüngeren Vergangenheit zu entnehmen, dass in diesem Bereich bereits Knochenteile gefunden worden sein sollen. Archäologische Untersuchungen haben hier noch nicht stattgefunden. 

Bild: Waldpfad südlich von Wienhausen heute; einst erstreckten sich hier Äcker. Quelle: H. Altmann, 2018

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Zusammenhänge der Knoken- bzw. Knochenkämpe noch weitgehend im Dunkeln liegen. Die Bezeichnung scheint jedoch nicht zufällig zu sein. Auch die räumliche Nähe zur Knokenriehe deutet nicht auf eine willkürliche Begebenheit hin. 

Aus welcher Zeit die Bezeichnung Knoken- bzw. Knochenkämpe stammt ist bislang unklar. Für die bisher oft vertretene Annahme, dass es sich bei der Knokenriehe um eine Bezeichnung handelt, die auf alte Pestfriedhöfe hindeutet, finden sich bisher keine eindeutigen Hinweise. Die Ereignisse, welche sich zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Wienhausen zutrugen, könnten eine mögliche Erklärung für die Bezeichnung liefern. 

Allerdings bleibt auch diese These bis zu einer handfesten Überprüfung durch archäologische Untersuchungen lediglich als Annahme im Raum stehen. Insofern konnte bis zu diesem Zeitpunkt der aktuelle Forschungsstand wiedergegeben werden. 


H. Altmann





Sonntag, 29. April 2018

Die Schlafmittelfabrik bei Schelploh


Die Heide wurde einst als karge, eintönige und menschenleere Gegend wahrgenommen. Wenig ertragreiche Böden und - sofern vorhanden - meist ausschließlich landwirtschaftliche Nutzung prägten diesen unwirtlichen Naturraum. Kein Ort also, den man mit Industrieansiedlung und Gewerbe in Verbindung bringen würde. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen diese Voraussetzungen einem namenhaften Chemie- und Pharmaunternehmen jedoch gerade recht...    

Die nachfolgende Geschichte beginnt in einiger Distanz zum Landkreis Celle. Im Jahr 1863 gründete Friedrich Bayer die ursprüngliche Firma "Friedr. Bayer et comp." in Barmen (Wuppertal). Als diese nach seinem Tod im Jahr 1881 von seinem Sohn unter der Firma "Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co." fortgeführt wurden, liefen bereits Versuche, die bisherige Produktpalette zu erweitern. 

Bereits unter Regie des Apothekers und Chemikers Eugen Baumann (1846-1896) und des Mediziners Alfred Kast (1856-1920) kam es zur Entdeckung der hypnotischen, d.h. schlaferzeugenden, Wirkung der sogenannten Sulfone. Es entwickelten sich hieraus Hypnotika, die als erste synthetische Arzneistoffe dieser Art galten. Die Innovation fand rasch Abnehmer - die Zeit zum ausgehenden 19. Jahrhunderts brachte durch veränderte Arbeitsweisen und den allgemeinen industriellen Aufbruch eine Fülle neuer Behandlungsbereiche mit sich. Insbesondere geistig arbeitende Menschen galten als anfällig für nervliche Erschöpfung, Gereiztheit sowie fiktionale Organstörungen. Aus medizinischer Sicht war auch von einem "Zeitalter der Nervosität" die Rede. 

Bild: Etikett von Sulfonal nach 1912. 

Ohne auf die chemischen Prozesse einzugehen, ist für das Verständnis der weiteren Zusammenhänge zu erwähnen, dass die Synthese von Sulfonen nach Eugen Baumann durch die Reaktion von Ketonen und Mercaptol erfolgte. Für die Synthese der Sulfone war zudem Ethylmercaptan, eine Verbindung aus der organ-chemischen Gruppe der Thiole erforderlich. Mercaptane weisen als Vertreter der Schwefelchemie einen besonders widerwärtigen Geruch auf, sind neurotisch sowie umweltgefährdend. 

Zunächst wurde die Produktion des Schlafmittels am Ursprungsstandort des Unternehmens, in Barmen an der Wupper, aufgenommen. Bald jedoch schon häuften sich die Beschwerden der Bürger aufgrund des "furchtbaren Katzengeruchs". Man versuchte daraufhin, die Geruchsbelästigung durch eine Reinigung der Abluft mittels Natronlauge zu erreichen. Diese band die Geruchsstoffe und wurde mitsamt diesen ungeklärt in die Wupper eingeleitet. 

Weiter flussabwärts befand sich allerdings noch die Farbenproduktion, deren wiederum säurehaltigen Abwässer sich in den Fluss ergossen. Die Wirkungen neutralisierten sich, sodass das gebundene Mercaptan inklusive dem gräßlichen gestand wieder frei wurde.  

Bild: Werbeanzeige von Sulfonal um 1890. Pharmazeutische Rundschau. 

Eine Verlagerung der Produktion in das benachbarte Haan verlief ergebnislos - auch hier regte sich schon bald Protest wegen des anhaltenden Gestanks der chemischen Produktion. Angeblich nahm vor Ort sogar der Honig den widerwärtigen Mercaptan-Gestank an. 

Bayer sah sich offenbar in einer Zwickmühle - einerseits sah man den Bedarf am neuen synthetischen Schlafmittel Sulfonal. Andererseits war die Produktion in den eng besiedelten Gebieten des Stammsitzes nicht langfristig gesichtet, da sich bereits Bürgerbewegungen gegen die Aufrechterhaltung der Abläufe formierten. In dieser Lage sah man sich nach einem möglichst wenig besiedelten Landstrich um, der trotzdem verkehrstechnisch noch einigermaßen günstig erreichbar war. 

Vor diesem Hintergrund geriet die Heidelandschaft um Schelploh in den Fokus. Durch die Nähe an die heutige Bundesstraße B 191 und die vorhandene Bahnstation in Eschede wurden die Voraussetzungen an die Infrastruktur erfüllt. Richter war jedoch das Vorhandensein eines Wasserzulaufs, da die chemische Produktion auf erhebliche Mengen an Frischwasser angewiesen war. Die Lutter bot hier beste Bedingungen zu Ansiedlung eines Werks. 

Bild: Werbeanzeige von Sulfonal um 1890. New Yorker Medizinische Monatsschrift. 

In Schelploh hatte es von alters her einen Einzelhof gegeben. Der vorletzte Hoferbe Johann Ernst Wilhelm Becker hatte diesen im Jahr 1868 übernommen. In den ersten Jahren lief die Wirtschaft offenbar noch recht gut. Misswirtschaft und äußere Markteinflüsse führten schließlich jedoch zu einem Niedergang des bäuerlichen Betriebs. Becker versuchte dies durch die Errichtung eines Sägewerks auszugleichen. 

Um 1890 übergab Johann Ernst Wilhelm Becker den maroden Hof an seinen ältesten Sohn Ernst Friedrich Wilhelm Becker. Zu dieser Zeit war das Gelände des ehemaligen Sägewerks bereits an Bayer verpachtet. Becker verkaufte es nun - vermutlich aus Geldnot - an die Firma. Den Rest seines Besitzes erhielt sein Bruder, der diesen jedoch bereits kurz nach der Jahrhundertwende an den Hamburger Großkaufmann Blumenfeld veräußerte. Blumenfeld ließ sich in der Einöde ein imposantes Landhaus im Stil des Hamburger Stadtteils Harvestehude errichten. 

Der im Jahr 1882 zum Bayer-Vorstand bestellte Henry Theodore Göttinger hatte bereits am 21.07.1888 einen Pacht- und Nutzungsvertrag mit Becker unterschrieben. Der vorhandene Anlagenbestand des Sägewerks konnte übernommen werden. 

Bild: das Werk Schelploh in der Anfangszeit - der massive Schornstein war noch nicht errichtet. Das Bild müsste die Fabrik aus Süden zeigen. Die Lutter befände sich zur Rechten. Quelle: Abfotografiert von der Infotafel vor Ort. 

Zwar verfügte Bayer nun über einen Fertigungsstandort für die Sulfonal- bzw. Mercaptanproduktion. Die erforderliche Konzession lag jedoch noch nicht vor. Böttinger meldete daher zunächst ein Versuchslaboratorium beim Landratsamt in Celle an - am 01.11.1888 folgte dann die Erteilung der eigentlichen Konzession. So konnte die Produktion bereits im Spätsommer des Jahres 1888 anlaufen. 

Da die schwefelhaltigen Substanzen neben ihrem Gestank den Nachteil aufwiesen leicht entzündlich zu sein, durfte in der Fabrik nicht geraucht werden - auch war es verboten Zündhölzer mit sich zu führen. Es wurde darüber hinaus Wert auf absolute Sauberkeit gelegt - die Arbeiter mussten mindestens einmal pro Woche baden. 

Bild: Lage der Schlafmittelfabrik Schelploh. Quelle: Karte des deutschen Reichs, 1904. 

Bei der Produktion fielen reichlich Schadstoffe an. Diese ließ man zunächst planmäßig versickern, bzw. leitete sie in die Lutter ab. Doch es waren nicht primär die umweltgefährdenden Chemikalien, die schon bald Proteste in der Bevölkerung hervorriefen. 

Bereits ein halbes Jahr nach Aufnahme der Produktion wandte sich der Ortsvorsteher des  in rund 6 km Luftlinie entfernten Blickwedel an die königliche Regierung in Lüneburg. Die Fabrik bereite - bei entsprechender Windrichtung - einen solchen Gestank, dass es nicht auszuhalten sei, schrieb H. Hoyer in seiner Stellung als Ortsvorsteher. 

Die Ortsvorsteher der umliegenden Ortschaften bestätigten diese Aussage auf Nachfrage des Landrats. Ein Ortstermin am 22.07.1889 verlief durchaus positiv für Bayer. Die Beschwerden konnten offenbar durch Ankündigung neuer Verfahren zur Gasbeseitigung entkräftet werden. 

Bild: Werk Schelploh in der Anfangszeit. Quelle: Abfotografiert von der Infotafel vor Ort. 

Doch schon am 27.07.1889 trafen weitere Beschwerden ein. Rittergutsbesitzer von Abercron auf Testorff und Jagdpächter nahe Schelploh beschwerte sich, dass der in offenen Gruben gelagerte Unrat der Fabrikation einen massiven Gestank verbreitete. 

Bayer versuchte die eingehenden Beschwerden durch Spendenzahlungen an die umliegenden Gemeinden einzudämmen. Dies gelang scheinbar auch fürs Erste, auch wenn von Einzelpersonen weitere Beschwerden vorgebracht wurden, die jedoch offenbar nicht auf politischen Handlungswillen trafen. Zumindest konnte die Firma bis 1900 ohne Zwischenfälle produzieren. 

Erst als der Celler Landrat wechselte wurde eine weitere Untersuchung möglich. Der neue Landrat nahm die Beschwerden der Ortsvorsteher umliegender Ortschaften ernst und ordnete schließlich eine Untersuchung der Geruchsbelästigung durch berittene Gendarmen an. Diese vermeldeten schließlich, dass in Marwede und Unterlüß Gerüche der Fabrik wahrnehmbar gewesen seien und benannten die dortigen Ortsvorsteher als Zeugen. Hieraufhin wurde Landrat Dietrich von Harlem tätig und verlangte die sofortige Beendigung der Geruchsbeeinträchtigung - unter Androhung von Zwangsmaßnahmen. Bayer tauschte im Jahr 1902 den Betriebsleiter aus und versprach Besserung. 

Bild: Werk Schelploh - Kesselhaus. Quelle: Abfotografiert von der Infotafel vor Ort. 

In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1904 entwickelte sich ein schwerer Brand in der Fabrik - ausgelöst durch einen Kurzschluss. Fast alle Gebäude brannten aus - nur der inzwischen gemauerte Schornstein sowie einige abseits stehende Gebäude überstanden das Feuer. 

Von Bayer wurde nun ein Wiederaufbau geprüft. Allerdings hatten sich die Voraussetzungen seit 1888 wesentlich geändert - neue Verfahren hatten in der chemischen Industrie Einzug gehalten. So war insbesondere die Verbrennung der entstehenden Abgase in abgeschlossenen Räumen möglich, sodass bei deren Austritt nahezu gar keine Geruchsbelästigung mehr entstand. Bayer hatte in Leverkusen ein großes Industriezentrum geschaffen. Da man die Fertigung aller Produkte bündeln wollte, wurde nun auch die Mercaptanherstellung an den neuen Standort umgesiedelt. 

Bei den Überlegungen zur Verlagerung des Standorts - weg aus Schelploh - werden sicherlich auch die fortwährenden Proteste der umliegenden Ortsvorsteher und Bürger ihren Beitrag geleistet haben. Diese bedrohten langfristig des reibungslosen Ablauf im Werk Schelploh - offenbar wollte die Firmenleitung diesen Unsicherheitsfaktor ausschließen. 

Bild: Werk Schelploh - ausgebranntes Kesselhaus. Quelle: Abfotografiert von der Infotafel vor Ort.

Nach der Verlegung des Werks nach Leverkusen blieben in Schelploh nur einige Gebäudereste und der hohe Fabrikschornstein erhalten, der die umliegenden Wälder überragte. 

Der Großkaufmann Blumenfeld, der in Schelploh seine Residenz errichtet hatte, erhielt schließlich von Bayer die Erlaubnis den Schornstein aus ästhetischen Gründen sprengen zu lassen. Bereits am 04.03.1907 erfolgte die planmäßige Sprengung im Rahmen einer Übung einer Hamburg-Harburger Pioniereinheit. Die noch verbliebenen Gebäude blieben noch längere Zeit stehen, bis sie in den 30er Jahren durch Bayer zum Abbruch freigegeben wurden. 

Heute erinnern vor Ort nur noch wenige Überbleibsel an die Zeit der ehemaligen Schlafmittelfabrik. Bei genauem Hinsehen und unter Auswertung historischer Karten konnten allerdings einige interessante Beobachtungen gemacht werden. So zeigt beispielsweise das Preußische Messtischblatt von 1899 die Lage der einstigen Fabrikanlagen im Wald bei Schelploh. 


Bild: Lage der Schlafmittelfabrik Schelploh. Quelle: Preußisches Messtischblatt, 1899.  

Die Fabrik befand sich in unmittelbarer Nähe zur Lutter. Im nördlichen Bereich befand sich offenbar ein aufgestautes Becken mit einem Zufluss zum Bachlauf. Im südlichen Bereich befanden sich die Fertigungsgebäude. 

Anhand der Karten, der historischen Fotografien sowie der Beobachtungen im Gelände  lässt sich die ungefähre Lage der Fabrik im aktuellen Satellitenbild annäherungsweise darstellen. 

Bild: Lage der Schlafmittelfabrik Schelploh. Quelle: Google Earth, H. Altmann.  

Im Gelände lassen sich bei genauem Hinsehen durchaus noch Spuren der einstigen Schlafmittelfabrik finden. Der Platz an dem sich die Fabrik früher befand ist heute noch als Waldlichtung erkennbar. Von alten Eichen gesäumt liegt die Lichtung recht verlassen am Rand der Lutter. 

Bild: Lichtung bei Schelploh - einstiger Fabrikstandort. Quelle: H. Altmann.

Längst haben Fichten das ehemalige Fabrikgelände in Beschlag genommen. Nur aufmerksame Beobachter erkennen daher die noch verbliebenen Spuren der alten Schlafmittelfabrik. Mauerreste und ungewöhnliche Erdhügel zeigen die Lage an. Im Bereich der heutigen Wege ist jedoch kaum noch etwas von damals zu sehen... 

Bild: Lichtung bei Schelploh - einstiger Fabrikstandort. Quelle: H. Altmann.

Im Bereich des einstigen Kesselhauses sind noch massive Mauern - teilweise gemauert aus Backstein - zu erkennen. Von hier führte ein Ablaufgraben zur Lutter. Eine kleine Staumauer im Graben ist ebenfalls noch zu erkennen. 

Im Rahmen des Projekts "Magische Orte in der Südheide" wurde an dieser Stelle das Werk "Feierabend" von Edel Klatt installiert. Die Badewanne soll in Anlehnung an das damals den Arbeitern auferlegte Baderitual an die historischen Zusammenhände erinnern. 

Bild: Ehem. Standort des Kesselhauses mit Kunstinstallation. Quelle: H. Altmann.

Bild: Ehem. Standort des Kesselhauses mit Kunstinstallation. Quelle: H. Altmann.

Bild: Ehem. Standort des Kesselhauses. Quelle: H. Altmann.

Bild: Ehem. Standort des Kesselhauses. Quelle: H. Altmann.

Bild: Ablauf vom einstigen Kesselhaus in Richtung Lutter. Quelle: H. Altmann.

Die Lutter - heute Naturschutzgebiet - diente damals als Ablauf für die hochgiftigen Rückstände der chemischen Produktion. Glücklicherweise hat die Landschaft durch diese Einflüsse keinen nachhaltigen Schaden genommen... 

Bild: Lutter - kurz hinter der Einmündung des ehemaligen Ablaufs. Quelle: H. Altmann.

Nördlich des einstigen Kesselhauses sind heute noch einige auffällige Erdaufwertungen im Wald erkennbar. In diesem Bereich befanden sich ebenfalls Anlagen der damaligen Fabrikation. Mittlerweile hat die Natur das Areal vollständig zurückerobert. 

Bild: Erdhügel - Reste des Fabrikgeländes. Quelle: H. Altmann.

Oberhalb der Waldlichtung sind ebenfalls noch Relikte der Fabrik zu erkennen. So finden sich beispielsweise einige Stufen eines alten Treppenabsatzes unweit der Lichtung. Diese deuten darauf hin, dass hier einst ebenfalls ein Mehrgeschossiges Gebäude gestanden haben muss. 

Bild: Treppenabsatz im Bereich des einstigen Fabrikgeländes. Quelle: H. Altmann.

Außer Stein- und Betonresten sind noch weitere oberirdische Spuren zu erkennen, sofern man genau hinschaut. Es finden sich überall Scherben von Porzellan, Dachsteinen und Metall. Auch alte Gebrauchsgegenstände liegen teilweise - wenn auch stark verrostet - umher. 

Bild: Teil einer alten Lampe. Quelle: H. Altmann.

Bild: alte Beschläge. Quelle: H. Altmann.

Heute finden sich im Bereich der einstigen Schlafmittelfabrik einige Installationen verschiedener Künstler. Diese wurden im Rahmen des Projekts "Magische Orte in der Südheide" umgesetzt und mit entsprechenden Informationstafeln ausgestattet. 

Bild: Installation von Hildegard Mahn. Quelle: H. Altmann.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schlafmittelfabrik bei Schelploh ein gutes Beispiel für die Anfänge der chemischen Industrie im 19. Jahrhundert ist. Es dauerte eine Zeit, bis die Belange von Mensch und Umwelt entsprechende Relevanz entfalteten. 

Heute erinnern nur noch wenige Relikte vor Ort an die einstige Schlafmittelfabrik. Damit die Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten wurde der alte Fabrikstandort Teil des Projekts "Magische Orte in der Südheide". Auf diese Weise können Wanderer und Radfahrer die Historie der alten Fabrik nachvollziehen - meines Erachtens ein sehr fortschrittlicher Umgang mit der Regionalgeschichte! Vielleicht plant ja der ein oder andere diesen Ort auf der nächsten Fahrradtour ein... 

H. Altmann


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Weitere Informationen / Quellen: 




Umfassender Überblick der historischen Zusammenhänge von Kurt W. Seebo: 





Montag, 23. April 2018

Das Funkfeuer Marie bei Lutterloh



Vermutlich ahnen die wenigsten, die an den unauffälligen Wohngebäuden  vorbeifahren, dass sich hier - zwischen Unterlüß und Hermannsburg - einst eine Funkstation befunden hat, die im Zweiten Weltkrieg in die Bodenorganisation der Nachtjagd eingebunden war. Im nachfolgenden Beitrag werden die bislang vorliegenden Informationen kurz zusammengefasst. 

Folgt man der Hermannsburger Landstraße aus Unterlüß kommend in Richtung Hermannsburg, erreicht man nach rund 2,5 km den Ort Neulutterloh. Ein paar hundert Meter weiter - etwa in Höhe des Schillohsberg befinden sich unauffällige Wohngebäude in rechts der Straße. Einheimische kennen den Hintergrund dieser Baulichkeiten - früher befand sich darin angeblich eine alte Funkstation. 

Tatsächlich befand sich in den weiten der Heide zwischen Hermannsburg und Unterlüß zu Kriegszeiten ein schweres Funkfeuer mit einer Frequenz von 298 Kilohertz (kHz). Die Funkstation, die in die Nachrichtentruppe eingegliedert war, diente unter anderem, um mobilen Einheiten mittels des von ihr ausgesendeten Signals die entsprechende Peilung bzw. Richtung anzuzeigen und somit als Orientierungspunkt. 

Die Bedeutung der Funkstation reichte in den letzten Kriegsmonaten sogar noch weiter. Beispielsweise belegt eine historische Karte der "Bodenorganisation Großraum Nachtjagd" (Luftflotte Reich) aus dem August 1944, dass sich bei Lutterloh das schwere Funkfeuer mit dem Decknamen "Marie" befand. 

Bild: Ausschnitt Bodenorganisation Nachtjagd. 

Durch die ständige Bedrohung alliierter Luftangriffe wurden während des Zweiten Weltkriegs ständig neue Verteidigungstaktiken erprobt. Da insbesondere die britischen Bomberverbände dazu übergingen ihre Angriffe im Schutz der Dunkelheit zu fliegen, galt es entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. 

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich verschiedene Strategien zur sogenannten Nachtjagd. Dabei kamen zunächst einmotorige Maschinen zum Einsatz, die sich lediglich nach Sicht orientieren konnten. Flakscheinwerfer, das Gegenlicht brennender Städte und Leuchtspurmunition lieferten die einzigen Lichtquellen am Nachthimmel. 


Bild: Zeichenerklärung - Funkstation, Funkstelle, Funkturm; Quelle: Kartenfibel, D. Luft, Januar 1941.

Durch den Einsatz von Radartechnik konnte die Luftverteidigung maßgeblich verbessert werden. Unter dem Einsatz verschiedener Funkmessgeräte etablierte sich die Nachtjagd als äußerst effektive Maßnahme gegen nächtliche Bomberangriffe. Dabei kamen insbesondere Flugzeuge vom Typ Ju-88 zum Einsatz - ausgestattet mit modernster Radiotechnik, die eine Ortung gegnerischer Luftverbände ermöglichte. 

Das Funkfeuer "Marie" bei Lutterloh diente den deutschen Nachtjagdverbänden insbesondere zur Orientierung. Inwiefern Aufklärung vor Ort möglich war, ließ sich bislang nicht abschließend klären. 

Interessant ist, dass zeitgenössische Karten den Standort des Funkfeuers nicht ausweisen, während anderweitige Bauten, die zeitgleich entstanden sind, verzeichnet worden sind. 

Bild: Standort Funkfeuer "Marie"; War Office Map 1945. 

Von der einstigen Funkstation ist heute nicht mehr viel zu erkennen. Sie befindet sich nördlich der Straße zwischen Lutterloh und Neulutterloh und verfügt über eine Bushaltestelle. 

Bild: Standort Funkfeuer "Marie"; Quelle: Google Earth. 

Der ursprüngliche Funkmast aus Holz hat sich nicht erhalten. Lediglich die Gebäude der ehemaligen Funkeinrichtung weisen noch auf die Historie hin. Heute werden sie als Wohngebäude genutzt. Die ursprüngliche Zweckbestimmung lässt sich heute kaum noch erkennen. 

Bild: Funkstation Lutterloh; Quelle: Hendrik Altmann. 

Es konnte noch nicht geklärt werden, welche Einheiten genau vor Ort stationiert waren. Nach Aussagen ansässiger Bewohner existierten bis Kriegsende noch weitere Gebäude, die zur Unterbringung der technischen Anlagen dienten. Diese wurden allerdings bei Ende des Krieges gesprengt - durch wen ließ sich bisher nicht in Erfahrung bringen. 

Bild: Funkstation Lutterloh; Quelle: Hendrik Altmann. 

Die Gebäude weisen äußerlich fast keine Spuren der ursprünglichen Verwendung mehr auf. Lediglich an einer Giebelseite hat sich eine Einfassung eines einstigen Wappens erhalten. Dieses ist natürlich nicht mehr vorhanden - die Umrisse deuten allerdings noch darauf hin, dass hier frühe das Emblem der Funkeinheit installiert war. 

Bild: Funkstation Lutterloh; Quelle: Hendrik Altmann. 

Insgesamt zeugen die Baulichkeiten von der Zeit des Funkfeuers "Marie". Treppenabgänge und Gelände stammen noch aus dieser Zeit. Auch die Nebengebäude, wie z.B. angrenzende Schuppen, sind noch erkennbar im Originalzustand erhalten geblieben. 

Bild: Funkstation Lutterloh, Treppengeländer; Quelle: Hendrik Altmann. 

Der Bereich der einstigen Fundanlage befindet sich heute in Privatbesitz - ein Betreten ist daher nur mit der Einwilligung der aktuellen Besitzer möglich. Bis auf einige Zaunfragmente ist nicht mehr viel zu sehen vom einstigen Funkfeuer "Marie"...

Bild: Funkstation Lutterloh, Zaun; Quelle: Hendrik Altmann. 

Bei der Funkstation Lutterloh handelt es sich somit um eine weitere militärische Einrichtung im Raum Celle, die heute vielen unbekannt sein dürfte. Die Tatsache, dass das Funkfeuer in die Bodenorganisation der Nachtjagd eingebunden war zeigt, die Relevanz der Anlage. 

Auch wenn die Innovationen im Bereich der Funktechnik für die damalige Zeit bahnbrechend waren, konnten sie die Luftangriffe durch die alliierten Bomberverbände nicht stoppen. Insbesondere im Rahmen der Operation Gomorrha, die zur Zerstörung großer Teile der Stadt Hamburg führte, setzten die Alliierten auf gezielte Maßnahmen, um den deutschen Funkverkehr sowie die Ortungsmöglichkeiten einzuschränken. Hierbei kamen insbesondere sogenannte Düppel zum Einsatz - Metallfasern, die ebenfalls per Flugzeug abgeworfen wurden und die den Funkeinsatz behinderten. 

Die Funkanlage bei Lutterloh wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs Eigentum des Bundesvermögensamts und wurde später zu zivilen Wohnzwecken umgenutzt. 

Über weitere Hinweise zu dieser Einrichtung würde ich mich sehr freuen: 

Gerne per Mail an: found-places@live.de 


H. Altmann