f Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 18. Januar 2018

Die Allerheide bei Lachendorf



Heute erinnern nur noch wenige Überbleibsel daran, dass die Stadt Celle früher inmitten "der Heide" lag. Eine der größten Heideflächen im heutigen Landkreises befand sich östlich der Stadt - die sogenannte Allerheide bei Lachendorf. Da die Heide mittlerweile fast restlos verschwunden ist, wird es höchste Zeit für eine Spurensuche. 

Zwischen Oppershausen und Lachendorf erstrecken sich heute ausgedehnte Kiefernwälder. Gemeinsam mit dem angrenzenden Waldgebiet der "Sprache" handelt es sich um die größten Waldflächen im östlichen Landkreis Celle. Doch so wie sich die Landschaft heute gibt, hat sie nicht immer ausgesehen. 

Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts erstreckten sich südlich der Orte Lachendorf und Ahnsbeck die ausgedehnten Heideflächen der sogenannten Allerheide. Diese reichte vom Rand der Allerdreckwiesen im Osten bis zur Sprache im Nordwesten und im Südwesten bis ans Osterbruch bei Osterloh. im Süden bildete der Ort Oppershausen den Abschluss. Insgesamt umfasste die Fläche eine Größe von ca. 25 kmdie sich durch sehr arme Böden auszeichnete. Spätere Bodenuntersuchungen ergaben, dass sich die Allerheide auf dem ursprünglichen Schwemmfächer der Lachte befindet, also einem Gebiet, das unmittelbar mit der Entwicklung des einstigen Allerurstromtals zusammenhängt. 

Eine frühe Erwägung fand die Allerheide bereits in der Zeit der Hexenverfolgung. Da es sich um eine karge und trostlos anmutende, für gewöhnlich menschenleere Gegend handelte, entstanden abergläubische und mystische Geschichten um die Heide. Am 09.10.1572 bekannte Anneke Mechels aus Ahnsbeck, dass sie mit Margarete Krauel, von der sie überhaupt erst die Zauberei erlernt hatte, am Fastelabend ( = Fastnacht) auf der Allerheide bei den Weizenkämpen an einem Nachttanz teilgenommen habe. Sie beschrieb Rituale bei denen sie mit einer schwarzen Salbe an Kopf, an den Knien und an den Füßen bestrichen wurde und schließlich linksherum getanzt habe. Anneke wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 

Auch die von ihr beschuldigte Margarete Krauel bekannte sich im peinlichen Verhör, d.h. unter Folter, zu diversen Zaubereien. Insbesondere gab sie an zum Nachttanz auf der Allerheide durch den ganz in grün gekleideten Geist Lucifers auf einem schwarzen Ziegenböcke gebracht worden zu sein. Auch Margarete Krauel wurde vom Gericht zum Tod durch Verbrennen verurteilt. 

Historische Karten zeigen die Allerheide noch als große monotone Heide ohne nennenswerten Baumbewuchs. Einzige Ausnahme bildet hierbei der stets erwähnte und in Karten verzeichnete Birkenbusch, der auch in den frühen schriftlichen Beschreibungen der Allerheide Erwähnung findet. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780. 

In einer frühen Beschreibung Lachendorfs, im Hausbuch der Amtsvogtei Beedenbostel aus dem Jahr 1663, heißt es: 

"Das Dorf Lachendorf hat seine Hut und Weide vor der Eicklinger Grenze, vor Oppershausen, vor dem Osterbruch bei der Sprache, hinter Gockenholz herum, hinter Beedenbostel nach Höfer, Jansen, Bunkenburg, vor Spechtshorn, Helmerkamp und Ahnsbecker Feld. (...) An Wald haben sie nichts Eigenes als ihre selbst gepflanzten Eichen um das Dorf herum, von denen sie jedoch ohne Erlaubnis keine hauen dürfen. Dann haben noch einen Birkenbusch in der Allerheide, nicht weit von der Sprache entfernt."  
(Wittmann/Seebo, Lachendorf - Beiträge zur Geschichte des Dorfes, Bd. 1 S. 18). 

Den Birkenbusch gibt es heute zwar nicht mehr. Mithilfe historischer Karten lässt sich aber seine ungefähre Lage in der einstigen Allerheide noch recht gut bestimmen. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: Papen Atlas, 1833. 

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Heideflächen grundsätzlich gemeinschaftlich genutzt. Sie zählten damit zur Allmende - nur einzelne Bereiche waren hiervon ausgenommen. Anders als die in den Gewannen liegenden Äcker war die Allmende keinem Hof direkt zugeordnet. Lediglich das ganze Dorf besaß bestimmte Heideberechtigungen, die im Regelfall durch den örtlichen Viehhirten ausgeübt wurden. Dieser zog mit dem Vieh auf die gemeinschaftlichen Weideplätze, sodass letztlich alle Höfe im Dorf die Allmende gleichermaßen beanspruchten. 

Die Allerheide wurde jedoch nicht nur von den Lachendorfer Bauern beweidet. Auch die anderen angrenzenden Dörfer und sogar die Stadt Celle besaß hier entsprechende Weideberechtigungen. Allerdings wurden diese bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr ausgeübt, wie Clemens Cassel berichtete (C. Cassel, Die Geschichte der Stadt Celle, Bd. 2, S. 293). Als die Stadt Celle im Jahr 1849 die Berechtigung zur Kuhweide auf der Allerheide aufgab, war die hierfür erhaltene Geldsumme relativ gering, da die Berechtigung seit Menschengedenken nicht mehr ausgeübt worden war (C. Cassel, Die Geschichte der Stadt Celle, Bd. 2, S. 297)

Neben der Nutzung als Weideflächen diente die Allerheide auch militärischen Zwecken. Bis zum Jahr 1866 unterhielt die Hannoversche Armee hier einen sogenannten Exerzierplatz, der für Truppenübungen benutzt wurde. Auf historischen Karten ist dieses Gelände noch verzeichnet. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: War Office Map 1945. 

Die Lage des ehemaligen Exerzierplatzes kann durch Verwendung der Karte als Overlay in Google Earth genauer bestimmt werden. Der Platz befand sich südlich der Straße nach Ahnsbeck und westlich der Verbindungsstraße zwischen Lachendorf und Oppershausen. Allerdings wurde der Exerzierplatz ab 1866 offenbar kaum noch genutzt und ist heute längst in Vergessenheit geraten. 

Bild: Allerheide südlich von Lachendorf. Quelle: War Office Map 1945; Google Earth.  

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an die alte Allerheide. Grund hierfür ist vor allem die Verkoppelung, die im 19. Jahrhundert gravierende Einschnitte im traditionellen Landschaftsbild mit sich brachte. Im Rahmen der sogenannten Generalteilung wurden solche Flächen aufgeteilt, die zuvor der Allgemeinheit zugehörig waren - also die bereits erwähnten Flächen der Allmende. Im Jahr 1844 wurde die Generalteilung der Allerheide beantragt und im Jahr 1861 endgültig abgeschlossen. 

Durch aufwändige Bewertungsverfahren wurde in der Zeit zwischen 1844 und 1861 den einzelnen Dörfern und Grundbesitzern entsprechende Flächenanteile an der Allerheide zugewiesen. Nach Beendigung des Verfahrens gab es keine Allmendeflächen mehr. 

Die Folge war, dass sich nun die einzelnen Grundbesitzer um die optimale Nutzung ihres Flächenanteils sorgten. Da es sich bei der Allerheide jedoch um recht karge Böden handelte, deren Nutzung für Ackerlang unter den einstigen Bedingungen kaum in Frage kam, wurden die Flächen meist für forstwirtschaftliche Zwecke umfunktioniert. Fuhren bzw. Kiefern, die vergleichsweise geringe Anforderungen an die Bodengüte stellten, wurden ausgespäht. Auf diese Weise entwickelte sich eine schnell wachsende und widerstandsfähige Vegetation auf den einstigen Heideflächen, die der Landschaft noch heute ihr prägendes Bild vermittelt. 


Bild: Kiefernwälder südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Heutzutage werden einige der einstigen Flächen landwirtschaftlich genutzt. Künstliche Düngemittel haben hier das vollbracht was jahrhundertelang unmöglich erschien und aus den kargen Böden nutzbares Ackerland gemacht. Durch den zeitweisen Bewuchs mit Kiefern konnte in diesen Bereichen ebenfalls eine nachhaltige Anreicherung der oberen Bodenschichten mit wichtigen Nährstoffen erzielt werden. 

So erstrecken sich mittlerweile südlich von Lachendorf saftige Weiden und ertragreiche Äcker auf der einstigen Allerheide. Kaum vorstellbar erscheint es daher, dass hier früher eine karge und eintönige Ödnis vorzufinden war. 

Bild: Äcker südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Heideflächen sind so gut wie gar nicht mehr anzutreffen. Obwohl es sich bei dieser Gegend einst um die größten Heidegebiete im Raum Celle handelte, ist diese Erscheinung nahezu vollständig aus dem Landschaftsbild verschwunden. Heute prägen dagegen die ausgedehnten Kiefernwälder die örtliche Wahrnehmung... 


Bild: Äcker südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann.  

Nur an wenigen Stellen kann man noch ein blasses Bild der einstigen Allerheide erahnen. So gab es bis in die 90er Jahre eine kleine, dreieckige Restfläche südwestlich von Lachendorf. Im südlichen Teil dieser verbliebenen Heidefläche befindet sich noch heute ein Erinnerungsstein an den ostpreußischen Ort "Riesenburg"


Bild: Heidefläche südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 

Allerdings ist such diese kleine Heidefläche mittlerweile fast vollständig mit Kiefern bewachsen, sodass kaum noch Heidekraut durchdringt. Diese Pflanze, de damals denn gesamten Landstrich südlich Lachendorfs prägte, ist somit fast vollständig verschwunden. Nur noch entlang einiger Wege finden sich die Reste der alten Allerheide. 

Bild: Heidefläche südlich von Lachendorf. Quelle: H. Altmann. 

Die Allerheide bei Lachendorf zeigt eindrucksvoll, welchen Einfluss der Mensch bereits früher auf seine Umgebung ausübte. Durch Überweidung und Ausbeutung des Boden, die insbesondere durch den sogenannten Plaggenhieb erfolgte, entstand einst die karge Landschaft der Allerheide. Dort gab es nicht außer Sandwegen, Heide und vereinzelten Wacholderbüschen. 

Erst die Maßnahmen der Verkoppelung wandelten das örtliche Landschaftsbild nachhaltig. Heute lässt sich kaum noch erkennen, dass es einmal derart ausgedehnte Heideflächen gegeben hat. Lediglich einige Relikte, wie Schanzen des ehemaligen Exerzierplatzes sowie alte Immenstellen weisen auf die einstige Allerheide hin. 

Vielleicht trägt dieser Beitrag dazu bei, dass die Allerheide nicht gänzlich in Vergessenheit gerät und der ein oder andere die Landschaft - vielleicht bei der nächsten Fahrradtour - mit anderen Augen sieht... 

H. Altmann


Donnerstag, 28. Dezember 2017

Die Kapelle auf der Blumlage



Kürzlich erreichte mich über Facebook die Frage, ob es in der "Blumlage" - an der heutigen Jänickestraße früher mal einen Friedhof gegeben habe. Um die Antwort vorwegzunehmen - ja einen Friedhof hat es gegeben. Allerdings kamen im Zuge der Recherchen interessante Zusammenhänge ans Licht. insbesondere konnte festgestellt werden, dass früher "Blumlage" nicht gleich "Blumlage" war... 


Die Celler Blumlage ist heute ein markanter Straßenzug, der sich zwischen dem Maschplatz und der Straße Sankt Georg Garten erstreckt und schließlich in die Braunschweiger Heerstraße übergeht. An der Ecke Blumlage-Jänickestraße (früher: Vereinsstraße) befindet sich heute die Blumläger-Schule (Grundschule). Auf Karten des 20. Jahrhunderts war an Ort und Stelle bereits die Volksschule I verzeichnet. 

Die Karten zeigen einen schmalen Friedhof neben dem Schulgelände, der an die Blumlage angrenzte und einige hundert Meter parallel zur heutigen Jänickestraße verlief. 

Bild: Friedhof an der Blumlage. Quelle: preußisches Messtischblatt, 1899. 


Heute deutet auf den ersten Blick nichts mehr auf die Existenz des alten Friedhofs hin. Dort wo dieser einst in historischen Karten verzeichnet war, stehen mittlerweile moderne Schulgebäude der Blumläger-Schule. 

Bild: Blumläger-Schule heute. Quelle: H. Altmann, 2017. 


Es stellt sich die Frage um was für einen Friedhof es sich gehandelt haben könnte. Blickt man hierbei etwas weiter in der Geschichte der Blumlage zurück, können wiederum historische Karten dabei helfen, sich die örtlichen Gegebenheiten von damals zu vergegenwärtigen. 

Johann Friedrich Borchmann (1694 - 1772), der als Baumeister in Celle wirkte, veröffentlichte im Jahr 1757 eine Beschreibung der Stadt und ihren Vorstädten. Insbesondere legte er die bauliche Situation Celles dar und gab die wichtigsten Gebäude mit ihrem jeweiligen Standort an. In seiner Beschreibung ist auch der Friedhof an der Blumenlage verzeichnet. Darüber hinaus sind angrenzende Gebäude zu erkennen. 

Besonders kurios: inmitten des Straßenverlaufs der Blumlage ist in alten Karten ein Sakralbau eingezeichnet.  

Bild: Kapelle und Friedhof in der Blumlage um 1757. Quelle: Borchmann, 1757. 


Auch der Celler Rektor Johann Heinrich Steffens hatte die Blumlage mitsamt Kapelle und Friedhof in seinem bereits 1747 erschienenen "Plan der Stadt Zelle nebst ihren Vorstädten und zunächst umliegenden Gegenden" verzeichnet. 

Die Blumlage wird in den Karten des 17. Jahrhunderts dabei stets vor der Stadtbefestigung dargestellt. Sie war einst ein langer, schlauchartiger Straßenzug, von dem sich im Bereich des heutigen Maschplatzes die Straße "Masch" abzweigte. 

Bild: Celle und die Vorstadt "Blumlage" um 1757. Quelle: J.H.F. Steffens, 1747. 


Damit dürfte hinreichend belegt sein, dass es in der Blumlage einen Friedhof und auch eine zugehörige Kapelle gegeben hat. Spannend wird es jedoch in Bezug auf die Frage um welche Kapelle es sich genau handelte. Zur Annäherung an diese Frage ist es erforderlich die Entstehung der Blumlage näher zu betrachten. 

Zwischen der ersten Erwähnung der Blumlage und der Zeit in der die o.g. Karten entstanden liegen maßgebliche Entwicklungen der Stadt Celle. Bereits der Celler Stadtchronist Clemens Cassel stellte Ernüchternd fest, dass nicht alle Zusammenhänge um die Blumlage geklärt wären (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 108). 

Die Schwierigkeit die Historie der Blumlage richtig einzuordnen könnte darin begründet sein, dass es gewichtige Anzeichen dafür gibt, dass sich die heutige Blumlage erst später entwickelte und der ursprüngliche Ort "Blomelaghe" näher bei der heutigen Innenstadt Celles befunden haben könnte. Cassel sieht die Begründung für eine Verlagerung der Blumlage insbesondere in der Gertrudenkapelle, die sich einst im Bereich des ursprünglichen Ortes "Blomelaghe" befunden haben soll. 

Bild: Cassel forschte u.a. zum Ursprung der Blumlage. Quelle: C. Cassel, Geschichte der Stadt Celle, 1930


Nun läge der Schluss, dass es sich bei der Gertrudenkapelle in "Blomelaghe" um die spätere Kapelle auf der Blumlage handelt, etwas zu nahe. Hier ist es notwendig einen Blick in die ältesten Urkunden zu werfen, die uns in diesem Zusammenhang vorliegen. 

Erstmal erwähnt wird die "Blumenlage" in einer Urkunde vom 23.06.1308 - also nur 16 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt "Neu-Celle", durch Herzog Otto den Strengen vom 25.05.1292. Die Blumenlage war dieser urkundlichen Erwähnung nach zwar zur Pfarrkirche nach Celle eingepfarrt - gehörte jedoch nicht zur Stadt und war nicht von deren Schutz(-befestigung ?) umfasst (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 37). 

Cassel ging davon aus, dass der ursprüngliche Ort "de olde Blomelaghe" - also die alte und ursprüngliche Blumlage - sich einst unmittelbar südlich vom heutigen Celle befand und dass die Bergstraße - ursprünglich "Blomenstrate" - und auch der Große Plan damals zum Ort Blumlage gehörten. 

Die Mauernstraße liefert ebenfalls ein Indiz für diese Theorie. Sie verläuft oberhalb des alten Ortes "Blomelaghe" und markiert den Verlauf der ursprünglichen Stadtmauer, die bis Anfang des 16. Jahrhunderts die Stadt nach Süden absicherte. Diese Mauer bestand allerdings nur aus gebrannten Ziegeln und war somit in Zeiten moderner Belagerungswaffen - insbesondere Kanonen - nicht mehr auf dem Stand der Technik. Unter Herzog Ernst dem Bekenner (1497 - 1546) wurden schließlich die Stadtbefestigungen ausgebaut und die alte Stadtmauer gegen eine massive Umwallung ausgetauscht. Im Zuge dieser Maßnahme musste der alte Ort "Blomelaghe" weichen. 

Bild: die alte Blumlage ("de olde Blomelaghe"). Quelle: H. Altmann


Noch ein weiteres Indiz spricht für die Lage der ursprünglichen Blumlage im Bereich des Großen Plans, wie bereits Cassel schlüssig anhand von historischen Urkunden darlegen konnte. 

Herzog Friedrich der Fromme (1418 - 1478) war für seinen Hang zum Glauben bekannt. Er gründete unter anderem im Jahr 1452 das Franziskanerkloster am Heiligen Kreuz - die Straße trägt heute noch diesen Namen. Ebenso war es Herzog Friedrich, der am 22.07.1464 eine Kapelle "up der Blomenlage" stiftete und diese mit dem Namen "Gertruden-Kapelle" versah. Die Urkunde vom Gründungstag beschreibt recht detailliert mit welchen Rechten und Pflichten die Kirche und der jeweilige Kirchherr ausgestattet war. Auch erwähnt die Urkunde den Standort dieser alten Kapelle auf der Blumlage recht genau. 

Zur Gertruden-Kapelle sollten zwei Heiligensteine gehören, an denen Opfergaben und Spenden abgelegt werden konnten. Damals waren diese Gaben für den Unterhalt der Gotteshäuser und ihr Wirken durchaus von Bedeutung. Die genannte Urkunde beschreibt nun, wo sich diese Heiligensteine genau befunden haben. 

Der eine Stein stand "alß man gayth uth der Stad na dem Blomenlagen Stoven" - also dort wo man aus der Stadt zu den Blumlagen Stuben geht. Bei diesen Stuben handelte es sich um die Badestube auf der Blumlage, die sich erwiesenermaßen am Kleinen Plan bei der Hausstelle Nr. 3 befand (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 107). 

Der zweite Stein befand sich "twischen dem Steindore und dem Blomleger Dore, dar me uth  ryt na Brunswigk" - also zwischen dem Steintor und dem Blumläger Tor, dort wo man ausreist nach Braunschweig. Das Steintor (bis 1376 hieß es Mutekentor) befand sich einst in etwa zwischen dem Heiligen Kreuz Nr. 17 und der Mauernstraße 33 (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 58). Es war allerdings so schmal, dass es für den Wagenverkehr ungeeignet war. Das Blumläger Tor (später: Braunschweiger Tor) stand im Schnittpunkt der Post-, Mauern- und Rundestraße. Bei späteren Kanalisationsarbeiten wurden massive Findlingsblöcke des Tores an dieser Stelle aufgefunden. 

Bild: Am Heiligen Kreuz - Blick in Richtung Kleiner Plan. Hier wäre man früher zum Steintor gelangt. Quelle: H. Altmann


Die Stellen der Heiligensteine, die zur Gertruden-Kapelle auf der alten "Blomelaghe" gehörten, zählten somit zu den Hauptverkehrspunkten in südliche Richtung und waren vermutlich eine gute Einnahmequelle. Cassel wies anhand von Aufzeichnungen aus dem Jahr 1520 nach, dass in unmittelbarer Nähe der Gertruden-Kapelle das Haus Großer Plan Nr. 13 gestanden hat (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 108). Er schloss hieraus, dass sich die Kapelle daher am Großen Plan auf dessen Westseite befunden haben muss. 

Doch die Tage der Kapelle und der alten Blumlage waren gezählt. Es waren wohl nicht zuletzt die Ereignisse der Hildesheimer Stiftfehde von 1519, die Herzog Ernst dazu antrieben die Befestigung der Stadt Celle voranzutreiben. Der Ausbau der Stadtwehren verschlang immense Summen der Stadtkasse und führte zur Eingliederung der alten Blumlage in die Stadt Celle. Als neue Blumlage entstand vor den neuen Stadttoren eine entsprechende Siedlung in der Form wie wir sie noch heute als Blumlage kennen. 

Die Karte des Rektors Johann Heinrich Steffens aus dem Jahr 1747 zeigt die Umwallung der Stadt sowie die Lage der neuen Blumlage. Im Bereich der alten Blumlage hatte sich bereits die Stadtbebauung etabliert. verwendet man die karte als Overall in Google Earth lässt sich die Entwicklung in Kontrast zum heutigen Stand verdeutlichen. 

Bild: Celle und die Vorstadt "Blumlage" um 1757 vs. heutiger Entwicklungsstand. Quelle: Google Earth; J.H.F. Steffens, 1747. 


Damit wird allerdings auch eines deutlich - die Kapelle auf der heutigen Blumlage kann nicht mit der Kapelle auf der alten Blumlage übereinstimmen. Denn erst durch den Ausbau der Befestigungen entstand eine neue Vorstadt, die wir heute als Blumlage bezeichnen. Die alte Blumlage jedoch muss eine gewachsene Siedlung gewesen sein - sonst hätte sie keine eigene Kapelle erhalten, die sich nach Cassel eindeutig im Bereich des heutigen Großen Plans befunden haben muss. 

Vor diesem Hintergrund wurde zumindest geklärt, dass die Gertruden-Kapelle offenbar für einen Standort auf der neuen Blumlage ausscheidet. Die Kapelle, die neben dem ehemaligen Friedhof im Bereich der heutigen Blumläger-Schule stand, muss also eine andere gewesen sein. 

Hier können möglicherweise die Ausführungen von Ernst Peter Johann Spangenberg (1784 - 1833) hilfreich sein, die er im Jahr 1828 in seiner "Historisch topografisch-statistischen Beschreibung der Stadt Celle im Königreich Hannover" niederschrieb. Spangenberg war zwar selber nicht abschließend gewiss darüber wann genau die Celler Vorstädte entstanden sind. Wohl aber datierte er die Blumlage zur ältesten Vorstadt Celles (Spangenberg, Beschreibung der Stadt Celle, S. 38)

Spangenberg konstatierte, dass die Kirche Sankt Georg, die bis heute auf der Blumlage vorhanden ist, wahrscheinlich aus der alten Kapelle "Zum Heiligen Geist" hervorgegangen ist, die bereits seit 1392 auf der Blumlage gestanden hat. Allerdings verfügte die Kirche Sankt Georg zunächst nicht über eigene Glocken - diese hingen vielmehr in einem Bretterverschlag neben der in der Mitte der Blumlage befindlichen Kapelle (Spangenberg, Beschreibung der Stadt Celle, S. 271). Die Kapelle sei nun zur Parochialschule aptirt - also umfunktioniert worden, führt Spangenberg weiter aus. 

Bild: Sankt Georgs Kirche in der Blumläger Vorstadt. Quelle: Ausschnitt aus "Der fürstliche Sitz Celle", kolorierter Kupferstich, C. Buno, 1750. 


Offenbar kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Verwechselungen der Kirchen und Kapellen. Aber durch den Hinweis Spangenbergs, dass die Kapelle später als Parochialschule bzw. Volksschule diente, wird deutlich, dass es tatsächlich zwei Kapellen gegeben haben muss. Aus einer entstand später die Kirche Sankt Georg dort wo sie heute noch steht. 

Bei der anderen Kapelle handelte es sich um die gesuchte. Im Jahr 1661 erhielt die junge Blumläger Kirchgemeinde durch Herzog Christian Ludwig (25.02.1622 - 15.03.1665) ihr Geläut. Da es an einem Glockenturm fehlte und die Kirche Sankt Georg noch ein ganzes Stück weiter stadtauswärts lag, wurden die beiden Glocken in einem einfachen Glockenstuhl am Kirchhof untergebracht, der sich mitten in der Gemeinde Blumlage befand. Bereits wenig später - im Jahr 1678 - wurde schließlich auch ein richtiger Glockenturm erbaut. Dieser befand sich jedoch nicht auf dem Friedhof, sondern etwas abseits mitten auf der Hauptstraße. Hier wurde dann im Jahr 1683 eine Kapelle für Leichenpredigten errichtet die sich im Eigentum der politischen Gemeinde befand (Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Bd. 1, S. 441)

Der Friedhof an dem sich diese Leichenkapelle befand war also bereits vor der Errichtung der Kirchengemeinde auf der Blumlage vorhanden. Er diente lange Zeit zur Bestattung der Toten aus der Blumlage, der Masch und aus dem Kreise (heutiger Straßenname). 

Im Jahr 1849 wurde der Friedhof von der politischen Gemeinde an die Kirche abgetreten. Er bestand noch bis ins 21. Jahrhundert - allerdings wurde er schon 1885 geschlossen, d.h. diente nicht mehr für neue Bestattungen. 

Bis ins Jahr 1749 diente die Kapelle für Leichenpredigten. Dann allerdings veranlasste eine schwere Ruhrepidemie die Abschaffung der Predigten - es war schlicht zu aufwändig geworden für jeden Toten eine Predigt zu halten. Im Jahr 1772 wurde die Kapelle dann zunächst als Spritzenhaus genutzt bevor sie schließlich 1777 in den Besitz der Kirche überging. Zwischen 1808 bis 1839 und von 1876 bis 1888 wurde die Kapelle als Schulzimmer genutzt. Allerdings war sie im Laufe der Jahre baufällig geworden - der Turm mit den Glocken war bereits im Jahr 1868 aus Sicherheitsgründen abgebaut worden. Am 27.06.1892 brannte die einstige Kapelle schließlich ab und wurde nicht wieder neu aufgebaut. 

Bis auf dem von L. Holle gedruckten und im Jahr 1855 verlegten "Plan von der Stadt Celle" ist die Kapelle noch in der Kartenlegende aufgeführt. Spätere Kartenwerke verzichteten auf den Hinweis auf das einstige Gotteshaus ganz. Noch auf einer 1925 erschienen Karte des Celler Tiefbauamts ist der Friedhof verzeichnet - die Kapelle aber längst nicht mehr. 

Bild: alter Friedhof an der Blumlage. Quelle: Karte Tiefbauamt Celle, 1925. 


Heute sind die Spuren der einstigen Kapelle und des Friedhofs längst aus dem Stadtbild verschwunden. Es scheint schwer vorstellbar, dass die Blumlage einst nicht im Bereich des heutigen Straßenzugs lag, sondern ein eigenständiges Dorf war. Diese Zusammenhänge werden allerdings an anderer Stelle aufgearbeiteten untersucht. 

Zumindest konnte in diesem Rahmen die Geschichte des einstigen Friedhofs und der ihm zugehörigen Kapelle aufgeklärt werden. 

Bild: alter Friedhof an der Blumlage. Quelle: H. Altmann, 2017. 


An der Geschichte des alten Friedhofs auf der Blumlage wird deutlich, wie eng die historischen Zusammenhänge bei der Entwicklung der Stadt Celle miteinander verbunden sind. Ursprünglich existierte nur das alte Dorf "Blomelaghe" - das vielleicht sogar schon vor der Neugründung der Stadt vorhanden war. 

Allerdings erforderte der Ausbau der Stadtverteidigung eine Verlegung der Blumlage. So entwickelte sich vor den Toren Celles die Blumlage als Vorstadt. Von diesen Zeiten ist heute allerdings nicht mehr viel  zu erkennen, denn längst ist die Blumlage Teil des Celler Stadtgebiets geworden. 

H. Altmann


p.S.: vielen Dank an die freundlichen Mitarbeiter des Celler Stadtarchivs, die noch kurz vor den Feuertagen mit wichtigen Informationen weiterhelfen konnten! 



Dienstag, 14. November 2017

Der alte Schießstand bei Wietzenbruch


Gut versteckt im Neustädter Holz zwischen Wietzenbruch und Hambühren befinden sich auffällige Betonreste im Wald - abseits eines Weges türmt sich hier ein hoher Berg auf. Im Volksmund heißt er "Weißer Berg". Geschichten ranken sich um diesen Ort und die historischen Zusammenhänge erschließen sich aus heutiger Sicht nicht mehr unmittelbar. Ein Grund mehr, sich diesen spannenden Ort etwas genauer anzuschauen. 

Auf den ersten Blick scheint es sich nur um eine Anhöhe mit einem vorgelagerten einen Tümpel im Wald zu handeln. Zunächst ist nur wenig Auffälliges zu bemerken. Hinter dem Wasserloch erhebt sich der ca. 20m hohe "Weiße Berg". In diesem Bereich befinden sich deutlich erkennbare Betonfundamente im Boden. Wozu haben sie einst gedient? 

Um den Ort ranken sich auch einige Legenden. So soll angeblich ein Tunnel den Weißen Berg mit dem Celler Schloss verbinden. Außerdem hält sich das Gerücht, dass es im Bereich des Weißen Bergs spuken soll. Der Erzählung nach soll sich hier einst eine Braut in ihrem wißen Kleid aus Liebeskummer erhängt haben. Inwiefern an diesen Geschichten etwas dran ist, lässt sich gegebenenfalls prüfen, wenn die historischen Zusammenhänge des Weißen Bergs nachfolgend näher dargelegt werden. 

Bild: Wasserloch bei Wietzenbruch, im Hintergrund der "Weiße Berg". Quelle: H. Altmann, 2017. 

Einige der Betonreste wurden mit Graffiti besprüht - fast überall liegt Müll herum. Es ist kein Geheimnis, dass oft Kinder hierher kommen. Die alten Betonreste am Weißen Berg haben sich zu einer Art Abenteuerspielplatz entwickelt. An einigen Stellen offenbaren sich Erdlöcher und Öffnungen in den Fundamenten. So sind beispielsweise oben auf dem Weißen Berg einige Bereiche der Betonreste freigelegt bzw. unterhält worden. Und es scheint fast so, als würden geheimnisvolle Gänge in die Tiefe führen. 

Bild: Betonfundament auf dem Weißen Berg. Quelle: H. Altmann, 2017. 

In einen massiven Betonblock wurden starke Metallbolzen verschraubt. Wozu haben sie einst gedient?  

Bild: Betonfundament auf dem Weißen Berg. Quelle: H. Altmann, 2017. 

Mithilfe historischer Luftbilder und topografischer Karten lässt sich jedoch Licht ins Dunkel bringen. Das Messtischblatt aus dem Jahr 1953 zeigt zwischen der, damals noch vorhandenen Bahntrasse (Celle / Hambühren) und dem nördlich hiervon verlaufenden Fuhsekanal, zwei kleinere Gebäude und die Bezeichnung "Schießstand". 

Bild: Schießstand bei Wietzenbruch. Quelle: Messtischblatt 1953; Google Earth. 

Erst eine spätere Karte zeigt schließlich auch die zum Schießstand zugehörigen Schießbahnen. Die Bahn für Langwaffen befand sich einst auf der rechten Seite, also weiter zur Stadt gelegen. Die kürzere Bahn war für Kurzwaffen, d.h. Pistolen vorgesehen. Auch in dieser späteren Karte aus dem Jahr 1967 sind noch beide Gebäude eingezeichnet. 

Bild: Schießstand bei Wietzenbruch. Quelle: Messtischblatt 1967; Google Earth. 

Im hinteren Bereich der längeren Schießbahn befinden sich Eingänge zu scheinbar unterirdischen Stollen. Unterhalb einer massiven Betondecke geht es hier zunächst einige Stufen herab. Allerdings sind die tiefer gelegenen Bereiche offenbar früher zugeschüttet worden. Stehen kann man in diesen Räumen daher kaum. 

Trotzdem legen Markierungen an den Wänden nahe, dass die Räume früher einmal begehbar waren. 

Bild: Stolleneingang hinter der Gewehr-Schießbahn. Quelle: H. Altmann, 2017.  

Offensichtlich wurde vor nicht allzu langer Zeit versucht diesen Tunnel wieder vom Sand zu befreien. Ein wenige Zentimeter breiter und hoher Schacht endet einige Meter weiter in der Dunkelheit. Wozu kann diese Anlage gedient haben? 

Bild: Unterirdischer Schacht an der alten Gewehr-Schießbahn. Quelle: H. Altmann, 2017.  

Ein Vergleich mit anderen militärischen Schießständen, wie insbesondere mit jenem in Dedelstorf, legen nahe, dass es sich bei dem Tunnel um einen Gang für das Personal des Schießstandes handelte. Dieser diente, um im hinteren Bereich der Schießanlage gefahrlos aus die jeweils andere Seite zu gelangen. Andernfalls hätten die Schießwarte hierfür große Umwege in Kauf nehmen müssen. 

An manchen Schießanlagen waren manuelle Scheibenbedienungen nötig. Im Boden befindliche Kabel legen zunächst den Schluss nahe, dass hier bereits eine elektrische Scheibenbedienung vorhanden war. Möglich wäre es - allerdings stammen die auffälligen Kabel aus späteren Jahren. Sie sind mit Kunststoff ummantelt, den es seinerzeit noch nicht gab. 

Der Schießplatz mit den massiven Betonbahnen scheint früher zum Flugplatz Wietzenbruch zugehörig gewesen zu sein. Hierfür spricht auch die Lage und Ausrichtung der Schießbahn. Allerdings spricht die massive Bauweise dafür, dass der Schießstand erst zwischen 1935 und 1939 errichtet wurde. 

Bis in die 80er Jahre müssten die Gebäude für die Schießwarte im vorderen Bereich der Anlage noch vorhanden gewesen sein. Zumindest legen topografische Karten aus dem Jahr 1985 dies nahe. Die Schießbahnen waren zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits abgerissen worden. 

Bild: Schießstand bei Wietzenbruch. Quelle: TK 1:25:000, 1985; Google Earth.  

Insgesamt spricht vieles dafür, dass die noch vorhandenen Baulichkeiten in Form der massiven Betonfundamente zum Kugelfang des alten Schießstandes gehörten. Auch wenn die mutmaßlichen Tunneleingänge in der Vergangenheit Stoff für wilde Spekulationen boten,  waren sie früher wohl weniger geheimnisvoll. Es handelte sich dabei lediglich um technische Zugänge zu den Scheibenbedienungen. Historische Luftbilder bestätigen diese Vermutung weitgehend. 

Unklar bleibt allerdings wann der Weiße Berg entstanden ist. Naheliegend ist aber die Vermutung, dass er aus dem Material des einstigen Schießstandes angeschoben wurde. Dies erklärt auch die Vertiefung, bzw. den Tümpel im vorderen Bereich. 

Gerüchte um Tunnelverbindungen zum Celler Schloss können damit wohl ausgeschlossen werden und in den Bereich der Fiktion einsortiert werden. Ob es dort spukt - wer weiß. Allerdings erklärt sich der Name "Weißer Berg" wohl eher durch den weißen Heidesand, als durch irgendwelche Gespenster... 

Nicht abschließend geklärt werden konnte bislang die einstige Zweckbestimmung einiger ,schräg zur alten Schießbahn verlaufenden Mauerreste. Beachtenswert ist, dass diese Mauern aus einzelnen Ziegeln gesetzt wurden. Standardmäßig war es aber eigentlich üblich derartig massive Mauern einfach aus Beton zu gießen. Auf historischen Luftbildern sind zwar Verbreiterungen in diesem Bereich der Schießbahn erkennbar - es konnte leider bisher aber nicht geklärt werden wozu diese Mauern dienten. 

Bild: Mauerrest am Schießstand bei Wietzenbruch. Quelle: H. Altmann, 2017

Im Ergebnis zeigt sich, dass es sich bei der Anlage im Wald bei Wietzenbruch eindeutig um einen Schießstand handelt. Dieser muss zwischen 1935 - 1939 errichtet worden und durch Einheiten des Flugplatzes Wietzenbruch genutzt worden sein. Gerüchte, dass e sich hierbei um eine alte Flakstellung gehandelt hat, sind somit falsch. 

H. Altmann


Abschließender Hinweis: 
Bitte auf keinen Fall versuchen in die schmalen Tunnelöffnungen zu kriechen. Nachrutschendes Erdreich macht solche Unterfangen lebensgefährlich! Ohnehin gibt es nichts spannendes im Bereich des alten Kugelfangs zu entdecken. 






Montag, 6. November 2017

Das alte Klein Hehlen...?


Mitten im Celler Stadtteil Klein Hehlen - etwas abseits des Bremer Wegs - befindet sich ein kleines Waldstück, das bisher scheinbar fast unberührt geblieben ist. Das könnte sich jedoch in Zukunft ändern, denn eine Änderung des Bebauungsplans ist auf dem Weg. Ein Grund mehr, die Geschichte des Wäldchens näher zu betrachten...

Mit Beschluss vom 28.09.2017 stellte der Rat der Stadt Celle die Weichen für die Planung eines neuen Wohngebietes südwestlich des Bremer Weges zwischen Zugbrückenstraße im Westen und dem Klein Hehlener Bach im Osten. Den südlichen Rand des neuen, zentrumsnahen Wohngebietes soll die vorhandene Wohnbebauung entlang des Straßenzuges "Kaninchengarten" bilden. Das geplante Areal liegt damit mitten im heutigen Stadtteil Klein Hehlen. 

Bild: geplantes Wohngebiet in Klein Hehlen. Quelle: Luftbild 2014, H. Altmann. 

Kurz darauf regte sich Protest im angrenzenden Stadtteil - eine Bürgerinitiative sammelte mehr als 250 Unterschriften (CZ. v. 06.10.2017). Die Initiatoren fürchten um "die letzte grüne Lunge" Klein Hehlens, so berichtete die Cellesche Zeitung

In der Tat ist die ca. 3 ha große Fläche eine Art "grünes Relikt" innerhalb Klein Hehlens. Historisch gesehen hat dieser Ort einiges zu bieten, wie sich in den nachfolgenden Untersuchungen zeigen wird. 

Der einzige Zugang zu dem eingezäunten Gelände befindet sich an der Zugbrückenstraße. Hier ist eine Zufahrt, die derzeit genutzt wird, um zu den Weideflächen für Pferde auf dem Gelände zu gelangen. 

Bild: Zugang an der Zugbrückenstraße in Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Die Pferdeweisen nehmen aber nur einen überschaubaren Bereich des Areals ein. Der Großteil des Geländes ist mit einem Mischbestand aus Kiefern, Eichen und Strauchwerk bewachsen. Größere Aufforstungsmaßnahmen sind bisher nicht erfolgt. 

Während die Weideflächen recht eben sind, befinden sich in den von Bäumen bestanden Bereichen natürliche Sanddünen, die teilweise eine beachtliche Höhe und Ausdehnung aufweisen. 

Bild: Pferdeweiden. Quelle: H. Altmann. 

Wie historische Karten belegen, befand sich früher ein Schießstand, bzw. eine Schießbahn, auf dem Gelände - im Bereich der heutigen Weideflächen. Dies erklärt auch, warum die natürlichen Sanddünen nur noch in den Randbereichen vorhanden sind. Es war früher nicht unüblich die Schießplätze aus Sicherheitsgründen in Dünengebieten anzulegen. 

Da sich das Schützenhaus an der Ecke Zugbrückenstraße - Bremer Weg in unmittelbarer Nähe befindet, ist anzunehmen, dass es sich auch um einen zivil genutzten Schießstand gehandelt hat. Im Zweiten Weltkrieg diente die Schießbahn allerdings auch militärischen Zwecken. Infanterieeinheiten aus den Celler Kasernen marschierten regelmäßig zum Üben zum Klein Hehlener Schießstand. 

Bild: Schießstand Klein Hehlen. Quelle: Google Earth, Messtischblatt 1942. 

Noch bis Kriegsende sollen Übungen auf dem Schießplatz abgehalten worden sein. Aus jener Zeit stammen vermutlich auch die bis heute sichtbaren baulichen Reste der einstigen Anlagen. Es handelte sich dabei wohl um Lagerbunker für Waffen oder Munition. 

Als nach Kriegsende die Celler Kasernen von britischen Truppen übernommen wurden, nutzten diese den Schießplatz in Klein Hehlen weiter. Noch heute sind an einigen Stellen Schützengräben aus diesen Tagen im Gelände erkennbar. Die Bunker wurden schließlich von den britischen Truppen beseitigt, bzw. zerstört. Auf Karten aus dem Jahr 1981 sind noch entsprechende Baulichkeiten im Gelände verzeichnet. 

Bild: Schießstand Klein Hehlen. Quelle: Google Earth, DGM 1981. 

Erhalten geblieben ist heute nicht mehr viel von den Bunkern und dem Schießplatz. Nur im Randbereich der Weideflächen erinnert ein Trümmerhaufen aus Stahlbetonklötzen an die einstigen Bunkeranlagen. Man hatte sich scheinbar keine weitere Mühe gegeben die Reste gänzlich abzutragen. 

Bild: Bunkerreste in Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Weiter im hinteren Teil der früheren Schießbahn befindet sich noch eine mit Efeu überwachsene Betonplatte, die vermutlich als Fundament für die Bunker diente. Diese waren sicherlich nur zu Lagerungszwecken errichtet worden und mussten daher lediglich Schutz vor Querschlägern bieten. 

Bild: Bunkerreste in Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Am Klein Hehlener Bach zeigt sich die Tektonik des Geländes sehr deutlich. Ursprünglich bestand vermutlich das gesamte Areal aus den natürlichen Sanddünen. Der Klein Hehlener Bach - früher "Bitschenbeck" - ist ein natürlicher Wasserlauf, der weiter südlich in die Aller mündet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts diente der Bach zur Bewässerung der südlich gelegenen Wiesenflächen. Dort entstand später die Wohnbebauung im Bereich der Straße Kaninchengarten. 

Bild: Klein Hehlener Bach. Quelle: H. Altmann. 

Als sich zwischen Klein Hehlen und der Aller noch ausgedehnte Weiden befanden, war eine künstliche Bewässerung erforderlich. Hierfür wurden im Lauf des Klein Hehlener Bachs künstliche Staustufen eingerichtet. Auch im Areal an der Zugbrückenstraße sind noch Reste einer solchen Staustufe vorhanden. Sogar die Metallelemente, die einst zum Einsatz der Schütten dienten, sind noch vorhanden. 

Bild: Staustufe im Bereich des Klein Hehlener Bachs. Quelle: H. Altmann. 

Neben seiner interessanten Geschichte im 20. Jahrhundert scheint dieser Ort auch noch auf andere spannende historische Zusammenhänge zurückzublicken. Der Celler Heimatforscher Friedrich Barenscheer berichtete in einem Artikel im Sachsenspiegel (CZ. v. 31.03.1950) über untergegangene Dörfer im Raum Celle. Dabei erwähnte er auch den "Teinert" in Klein Hehlen. Diese alte Feldflur befindet sich ebenfalls an der Zugbrückenstraße in Klein Hehlen - genau gegenüber des nun als Wohngebiet geplanten Geländes. 

Der Überlieferung nach standen diesem Bereich die zehn alten Höfe, die einst das ursprüngliche Dorf Klein Hehlen begründeten. Barenscheer schloss in seinen Untersuchungen, dass das alte Dorf Klein Hehlen von Flugsanden und Wanderdünen verschüttet wurde. Dieses Schicksal teilten früher scheinbar noch andere Dörfer, wie bereits gezeigt werden konnte (Suche nach Abbenburen (Hambühren) Klick). Den konkreten Standort des Dorfes konnte Barenscheer zwar nicht nachweisen - mithilfe einer beigefügten Skizze wurden Leser jedoch aufgefordert die Suche nach dem alte Dorf Klein Hehlen fortzusetzen. Dieser Aufforderung kommen wir hiermit gerne nach. 

Bild: Karte des Heimatforschers F. Barenscheer zur Lage des alten Dorfes Klein Hehlen. Quelle: F. Barenscheer, in: der Sachsenspiegel, CZ. v. 31.03.1950. 

Margret Eggers hielt die historische Entwicklung Klein Hehlens in einer handgeschriebenen Chronik im Jahr 1942 fest. Darin erwähnt sie insbesondere die Ausgrabungen im Bereich des "Teinert" und den hiermit vermuteten Standort des alten Dorfes. 

"Auch der Klein Hehlener Bach, dessen altes Flussbett man noch verfolgen kann" ist für Eggers ein Indiz das auf den alten Ort hindeutet. Sie vermutet im Folgenden, dass ein großes Feuer den alten Ort zerstört haben könnte. Auch Barenscheer gab in seinen Aufzeichnungen an, dass im Rahmen der Ausgrabungen Spuren eines Brandes gefunden wurden. Ob es allerdings tatsächlich zehn alte Höfe gab, oder sich eine solche Brandkatastrophe ereignete ist bis heute noch nicht weiter untersucht worden. 


Bild: Auszug Chronik Klein Hehlen. Quelle: Eggers, Mein Heimatort Klein Hehlen, 1942. 

Neben einem Brand kämen wohl noch weitere Ursachen der Verwüstung eines möglichen alten Klein Hehlen in Betracht. In diesem Zusammenhang sind auch die möglichen Einwirkungen durch Sandverwehungen und Wanderdünen beachtenswert. Bereits im Rahmen der Untersuchungen zum alten Ort "Abbenburen" (Hambühren) konnten die historischen Zusammenhänge dargelegt werden. Auch Barenscheer hielt die Möglichkeit, dass der alte Ort Klein Hehlen Wanderdünen weichen musste, für plausibel. Hierfür spräche insbesondere der auffällige Verlauf des Klein Hehlener Baches sowie die vor Ort deutlich erkennbaren Sandablagerungen. 

Der Kulturlandschaftsforscher Florian Friedrich hat die Zusammenhänge der Wanderdünen westlich von Celle bereits untersucht. In einem 2009 erschienenen Zeitungsbeitrag legte Friedrich dar, dass vor rund 300 Jahren Wanderdünen in unserer Gegend durchaus ein reales Problem darstellten. 

Bild: Celle Sand unter - Dünen bedrohten Residenzstadt. Quelle: Friedrich, in: Cellesche Zeitung vom 02.05.2009

Allerdings kann die Zeitangabe von 300 Jahren nicht die Zusammenhänge um das alte Dorf Klein Hehlen erklären. Denn die vermutete Ortslage wäre dann bereits in zeitgenössischen Karten und anderen Überlieferungen wiedergegeben worden. Der Untergang des alten Klein Hehlen muss also weiter zurückliegen - sollte es diesen Ort überhaupt jemals gegeben haben. 

Kartografische Darstellungen können hierbei leider nur bedingt helfen. Erste detaillierte Karten zeigen den Ort Klein Hehlen um 1749 bereits nördlich der Straße von Celle nach Hamburg bzw. Bremen. In Höhe des Klein Hehlener Bachs sind jedoch in dieser Darstellung keine Auffälligkeiten verzeichnet worden. 


Bild: Klein Hehlen um 1749. Quelle: Gsellius, Plan der Stadt Zelle im Lüneburgischen, 1749.

Spätere Karten zeigen den Ort ebenfalls an seinem heutigen Standort nordöstlich des Klein Hehlener Baches. Allerdings zeigt eine Karte aus dem Jahr 1758 die bereits vorhandenen Sanddünen südlich von Klein Hehlen. Beachtenswert ist, dass in der Karte diese Dünen östlich des Klein Hehlener Baches verzeichnet sind. Ist dies vielleicht ein Hinweis, dass die Dünen westlich des Baches erst später entstanden sind? Oder handelt es sich um eine Ungenauigkeit der Karte - diese wäre damals durchaus "üblich" gewesen...


Bild: Klein Hehlen um 1758. Quelle: Plan der Stadt Zelt, 1758.

Möglicherweise ist die Lösung vielschichtiger als bislang angenommen wurde. Hierfür würden ebenfalls die Ergebnisse der bisher stattgefunden Bodenuntersuchungen sprechen. Barenscheer beschreibt in seinen Ausführungen archäologische Untersuchungen, die im Jahr 1928 in diesem Bereich erfolgt sind. Diese, von einem Dr. Rüggeberg betreuten Ausgrabungen, lieferten offenbar jedoch noch Anzeichen viel älterer Siedlungen, die offenbar bis in die Steinzeit zurück datieren. 

Tatsächlich weisen im Jahr 1991 in einem flachen Dünenrand gemachte Funde bei Klein Hehlen auf einen mesolithischen Ursprung hin (Mittelsteinzeitliche Fundplätze im Landkreis Celle, K. Breest, S. 44, FStNr. 5). Es konnten hier ein Schlagstein, drei Keramikscherben, sieben Kernsteine sowie beschlagene Klingen sichergestellt werden.

Im Bereich des Kaninchengarten in Klein Hehlen ist zumindest ein Grabhügel überliefert  worden (Müller, Vor- und frühgeschichtliche Alterthümer der Provinz Hannover, Hannover 1893). Ob hier bereits Ausgrabungen stattfanden ist bislang nicht geklärt. 


Bereits historische Karten aus dem 18. Jahrhundert, wie insbesondere die Kurhannoversche Landesaufnahme von 1781 belegen, dass vor Ort natürliche Sanddünen vorzufinden sind. Eine Datierung dieser Sandablagerungen ist nicht einfach, wie bereits im Rahmen der Untersuchungen zum alten Dorf Hambühren gezeigt werden konnte. 

Bild: Sanddüne im Bereich des Klein Hehlener Bachs. Quelle: H. Altmann. 

Erwiesener Maßen stellten die Sanddünen im Bereich des einstigen Allerurstromtals regelmäßig einen natürlichen Schutz für die Ansiedlung - aber auch als Begräbnisstätten dar. Das Abtragen von Dünen brachte - insbesondere im Rahmen der Verkoppelung im 19. Jahrhundert - eine Vielzahl von frühzeitlichen Fundplätzen zutage. 

Es liegt daher nahe, dass auch das Dünengelände in Klein Hehlen einen Fundplatz für stein- und / oder bronzezeitliche Funde darstellen könnte. Zumal in den Bereichen ringsherum entsprechende Funde gemacht wurden, erscheint dies wahrscheinlich. 

Sollte es tatsächlich zu den geplanten Bauarbeiten kommen, müssten zahlreiche Bäume gefällt werden. Bei den anstehenden Baumfällarbeiten würden sicherlich auch erhebliche Bodeneinwirkungen entstehen. 

Bild: Eichenbestand heute. Quelle: H. Altmann. 

Neben den Baumfällarbeiten stünden im Falle von möglichen Baumaßnahmen auch umfassende Erdarbeiten an. Es wäre davon auszugehen, dass die derzeitige natürliche Tektonik in Form bestehender Sanddünen in weiten Bereichen komplett abgetragen werden müsste. 

Bild: Geländetektonik heute. Quelle: H. Altmann. 

Bislang sind vor Ort scheinbar nur stichprobenhafte Prospektionen vor längerer Zeit erfolgt. Da es sich jedoch um eines der letzten natürlichen Dünengebiete in den Stadtgrenzen Celles handelt, wäre es gut, dieses umfassend zu untersuchen. 

Die voranschreitende Bebauung kann sicherlich nicht aufgehalten werden. Allerdings wäre wünschenswert die möglicherweise vorhandenen Bodendenkmäler entsprechend zu untersuchen und potentielle Funde sicherzustellen. 

Bild: Gelände in Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann.

Sinn und Zweck der Heimatforschung ist es, regionalhistorische Zusammenhänge zu erkunden. Durch Zufall stieß ich im Rahmen der Untersuchungen zu Hambühren auf Hinweise die mit Klein Hehlen zusammenhängen. Inwiefern es tatsächlich einen archäologisch nachweisbaren alten Ort gab, ließ sich bisher nicht abschließend klären. Zu jener Zeit in der die bisherigen Ausgrabungen stattfanden, wurden diese Angelegenheiten völlig anders als heute dokumentiert. 

Es wäre also durchaus möglich, dass im Rahmen von Baumaßnahmen spannende neue Erkenntnisse ans Tageslicht kommen... 

H. Altmann