f Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 11. April 2017

Das Kriegsende - die letzten Tage vor dem Zusammenbruch - Teil (II)


Die Fortsetzung der Beitragsreihe. Zum ersten Teil: hier (Klick) 

Teil II - Als der Krieg in die Heimat kam - Ereignisse bis zum 11.04.1945

Es ist der 11. April 1945. Im Raum Celle erwartete man die Ankunft der alliierten Truppen. Diese waren bis zum 10. April nach Hannover gelangt und hatten die Stadt ohne größere Gegenwehr einnehmen können. Britische Verbände waren nördlich von Hannover bis zur Aller vorgestoßen. Vom 10. auf den 11. April kam es in dieser Folge zu schweren Kämpfen. 

Auf deutscher Seite waren es vorwiegend Marineeinheiten und Soldaten des Reichsarbeitsdienstes (RAD), die bei Esel und Hademstorf die Allerbrücken verteidigten. Ihnen standen auf alliierter Seite unter anderem die gut ausgerüsteten Verbände der 11. UK Panzer-Division gegenüber. Es entwickelten sich schwere Gefechte, die auf deutscher Seite im Ergebnis den Verlust der Allerübergänge zur Folge hatten. 

Im Raum Celle hatte es am 8. April  schwere Luftangriffe auf Nienhagen und auf die Stadt Celle gegeben. 

Bild: Luftangriffe auf Celle und Nienhagen. Quelle: Hannah Fueß Berichte, Schulchronik Wathlingen vom 10.04.1945. 

Weiter südöstlich rückten derweil die Einheiten der 84. US Infanterie Division sowie der 5. US Panzer Division vor. Das 334. US Infanterie Regiment stieß bei seinem Vormarsch am 11. April bereits gegen 8:00 Uhr morgens auf Widerstand bei Altwarmbüchen. Hier verteidigten deutsche Einheiten unter Einsatz von schweren 8,8 cm Flakgeschützen in westliche Richtung. Laut dem After Action Report des 334. US Infanterie Regiments handelte es sich dabei um Hitlerjungen im Alter von 14 - 15 Jahren. 

Die Hitlerjungen machten bei Anrücken des 1. Bataillons des 334. US Infanterie Regiments keine weiteren Anstalten auf die Amerikaner zu feuern. Sie ergaben sich rasch und die 8,8 cm Geschütze konnten durch US Panzer unschädlich gemacht werden. 

Gegen 10:00 Uhr konnte schließlich das Tagesziel Burgdorf eingenommen werden. Das erste und zweite Bataillon sicherten bis zum späten Nachmittag die umliegenden Ortschaften - insbesondere Sorgensen und Dachtmissen. Es wurde kein größerer Widerstand festgestellt. 

Bis in die Abendstunden wurde die Gegend um Burgdorf gesichert und Planungen für den nächsten Tag gemacht - es galt die Aller möglichst schnell zu überqueren. 

Bild: Vormarsch des 334. US Infanterie Bataillons. Quelle: After Action Report, 334. US Infanterie Bataillon, 11.04.1945. 

Der Lagebericht im Kriegstagebuch der Wehrmacht spricht für den 11. April 1945 von "Druck in Richtung Celle und Kämpfe(n) bei Verden". 

Aus heutiger Sicht kann diese Formulierung als völlige Untertreibung gewertet werden. Seinerzeit standen den alliierten Truppen kaum noch zureichend ausrüstete Verbände auf deutscher Seite gegenüber. Die Wehrmacht befand sich vielerorts in unkoordinierter Aufstellung - viele Truppenteile fluteten zurück. 

Der Ablauf in den Orten war fast austauschbar. Einerseits richtete man sich auf die Ankunft der alliierten Truppen ein. Andererseits galt es dem politischen System bis zuletzt die Treue zu halten. Fanatische Verfechter der NS-Ideologie fanden sich fast überall. 

Am 11. April waren ebenfalls Einheiten der Aufklärungskompanie des 638. US Tank Destroyer Bataillon im Vormarsch über Burgdorf. Ein Kriegsgefangenenlager konnte befreit werden. Es konnten zahlreiche deutsche Soldaten gefangen genommen werden. 

In den umliegenden Orten vernahm man den Gefechtslärm bereits. In Wathlingen stand seit Tagen ein Versorgungszug der Wehrmacht im Bahnhofsbereich. Dieser sollte vor Eintreffen der US Truppen vernichtet werden - das Material sollte nicht in feindliche Hände geraten, heißt es in den entsprechenden Quellen. Man setzte sich jedoch dafür ein, dass der Zug auf noch verwertbare, nicht-militärische Gegenstände untersucht werden durfte. Diese wurden an die Bevölkerung und die Flüchtlinge vor Ort ausgehändigt. Anschließend wurde der Zug planmäßig durch deutsche Pioniere in Brand gesteckt. Den Quellen und Zeitzeugenberichten nach wurde dabei ein Armee-Archiv verbrannt. 

Die US Quellen belegen für den 11. April 1945 gegen 10:30 Uhr Aktivitäten deutscher Soldaten bei Burgdorf und Otze. Es wurde weiterhin bemerkt, dass US Kriegsgefangene in östliche Richtung marschiert seien. Berichte über den Durchmarsch von Kriegsgefangenen sind lokal unter anderem für Wathlingen überliefert. 

Bild: Meldungen des 334. US Infanterie Bataillons. Quelle: After Action Report, 334. US Infanterie Bataillon, 11.04.1945.  

Bereits hinter Hannover mussten sich die US Truppen darauf einrichten möglichst intakte Allerübergänge zu sichern. Die Aller war ein natürliches Hindernis, das überwunden werden musste, um den raschen Vormarsch bis zur Elbe zu ermöglichen. 

Erhebliche Probleme bereiteten den US Truppen die schlechten Straßenverhältnisse und die zahlreichen Brückensprengungen. Auf deutscher Seite hatte man fast jeden Durchlass zur Sprengung vorbereitet. Immer wieder mussten die US Pioniere die Hindernisse beseitigen, bevor die Kampfeinheiten weiter vorrücken konnten. Meist war der Volkssturm für die Sprengungen verantwortlich - das geht unter anderem aus den letzten Volkssturmbefehlen für Celle hervor. Aber auch die Aussagen von Zivilisten bestätigen dies. In Einzelfällen waren es aber auch Einheiten der SS und Wehrmacht, die vor allem größere Brücken zerstörten. Dies verzögerte den Vormarsch jedoch oft nur um Stunden. 

Bild: vorrückende US Infanterie. Quelle: Armor vs. Mud and Mines, 1965. 

In Wathlingen erwartete man die US Truppen am 12. April 1945. Es wurden von der Zivilbevölkerung entsprechende Vorkehrungen getroffen. So berichtete die Frau des Wathlinger Pastors, Hanna Bölsing, nach Kriegsende wie sie den Keller als Unterschlupf einrichtete. 

Bild: Hanna Bölsing zum Kriegsende. Quelle: Hannah Fueß Berichte

Tagelang waren bereits deutsche Truppenteile durch den Ort geflutet und hatten die Fuhsebrücke in nördlicher Richtung passiert. Es war unklar, ob es in Wathlingen zu Kampfhandlungen kommen würde. Die große Sorge war, dass es zu Kämpfen kommen könnte. 

Die US Truppen konnten sich in dieser Phase des Kriegs nicht erlauben, einen Ort mehrere Tage zu belagern. Die Tagesziele mussten zeitnah erreicht werden, um möglichst rasch an die Elbe zu stoßen. Daher setzten sie im Einzelfall regelmäßig schwere Waffen ein, um Orte in denen sich Gegenwehr regte zu beschießen. Genau davor fürchtete man sich - auch in Wathlingen. 

Aus westlicher Richtung stieß derweil die 15. schottische Division in Richtung Celle vor. Diese bestand aus der 46. und der 227. Infanterie Brigade und der 6. Garde-Panzer-Brigade. Geschätzt werden also rund 13.000 Soldaten und etwa 300 Panzer und Schützenpanzer im Vormarsch auf Celle gewesen sein. 

Bei Ehlershausen kam es in der Folge dieser Ereignisse zu Kampfhandlungen zwischen Einheiten der 46. Infanterie Brigade und rund 100 deutschen Soldaten der Nebeltruppenschule aus Celle. Mehrere britische Panzer und Panzerspähwagen wurden dabei abgeschossen und es gelang den Verteidigern Ehlershausen zu halten. 

Bild: Alfred Schlüter aus Adelheitsdorf zum Kriegsende. Quelle: Hannah Fueß Berichte

Die Verteidigung Ehlershausens war jedoch umsonst, denn weiter nördlich gelang der 227. Infanterie Brigade der kampflose Vormarsch über Fuhrberg, Allerhop und Wietzenbruch. Somit standen die britischen und schottischen Verbände am Abend des 11. April 1945 bereits vor den Toren Celles. Vermutlich wäre die Stadt sogar besetzt worden - allerdings wurden auch hier die alliierten Verbände durch gesprengte Brücken aufgehalten, sodass der weitere Vormarsch auf den 12. April 1945 verlegt werden musste. 

Am Abend des 11. April wurde schließlich noch die Lufthauptmunitionsanstalt in Hambühren gesprengt. Für alle musste nun klar sein, dass die Befreiung der Stadt Celle unmittelbar bevorstand und spätestens am kommenden Tag erfolgen würde. Dementsprechend richtete man sich auf die Ankunft der Alliierten ein. 

Fortsetzung folgt. 


H. Altmann
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Die Zusammenhänge der letzten Kriegstage wurden u.a. im hierzu erschienenen Buch aufgearbeitet. Dieses kann über folgende Quellen erworben werden: Klick



Montag, 10. April 2017

Das Kriegsende - die letzten Tage vor dem Zusammenbruch - Teil (I)


Teil I - Als der Krieg in die Heimat kam - Ereignisse bis zum 10.04.1945

Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich in diesen Tagen zum 72. Mal. Je weiter die Geschehnisse in die Vergangenheit rücken desto weniger Augen- und Zeitzeugen können noch vom Kriegsende berichten. Im Großen und Ganzen sind die geschichtlichen Zusammenhänge weitgehend bereits erforscht worden. Allerdings zeigen sich vor allem in der regionalhistorischen Betrachtung erhebliche Lücken. 

Wie war es, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging? Die Ereignisse fanden nicht mehr in der Ferne statt - sondern direkt vor der Haustür. In dieser kurzen Serie werden die letzten Kriegstage im Raum Celle schlaglichtartig aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. 

Heute vor 72 Jahren war das Ende des Krieges auch im Landkreis Celle deutlich spürbar. Besonders die verstärkten Aktivitäten der US Air Force sowie der britischen Royal Air Force setzten der Bevölkerung zu. Das zivile Leben war durch ständige Luftangriffe erheblich eingeschränkt worden. Dies belegt auch ein Auszug aus der Wathlinger Schulchronik vom 27. Februar 1945. 

Bild: Auszug aus der Wathlinger Schulchronik. Quelle: Hannah Fueß-Berichte. 

Celle selbst war bis auf leichte Beschädigungen bis Anfang März 1945 kaum durch unmittelbare Kriegseinwirkungen betroffen. Am 3. März änderte sich dies schlagartig - US Bomber brachten bei Altencelle, etwa in Höhe des Bahnübergangs an der Braunschweiger Heeresstraße rund 120 schwere Bomben zum Abwurf. Tags darauf arbeiteten 20 Mann an der Behebung der Bombenschäden, um die Straße wieder befahrbar zu machen. 

Die Beedenbostler Schulchronik berichtet, dass im März/April die umliegenden Brücken zur Sprengung vorbereitet wurden. So wurde in vielen Orten in der legend verfahren. Oft wurden eingesammelte Fliegerbomben auf / unter die Brücken gebracht. 

Anfang April berichtet die Cellesche Zeitung von "feindlichen Angriffen im Teutoburger Wald." Die alliierten Truppen umschlossen ab dem 1. April die Heeresgruppe B im sogenannten Ruhrkessel. Die 84. US Infanterie Division war bereits fast einen Monat zuvor bei Homberg nördlich von Krefeld über den Rhein gelangt - Mitte April sollte sie auch den Landkreis Celle erreichen. 

Die Cellesche Zeitung vom 4. April berichtete über "die starken Herzen - Deutsche Soldaten in der Abwehrschlacht...". Propaganda, die zu diesem Zeitpunkt vermutlich nur noch wenige ernsthaft glauben konnten. Allerdings fehlten hierfür offenbar auch die passenden Alternativen, denn bis in die letzten Kriegstage hinein blieben die politischen Instanzen straff organisiert. 

Bild: Auszug aus der Celleschen Zeitung vom 04.04.1945. Quelle: CZ. 

In den ersten Apriltagen nahm die Spannung in Celle spürbar zu. Größere Flüchtlingstransporte waren bereits eingetroffen. Die städtischen Notquartiere waren überfüllt, die Lazarette aufgrund der zurückflutenden Truppen ausgelastet und es herrschte allgemeines Bangen, wie die nächsten Tage verlaufen würden. 

Wie jede andere Stadt im Reichsgebiet hätte Celle eigentlich verteidigt werden müssen. Der kommandierende Generalmajor Paul Tzschökell verlegte auch einige der zur Verfügung stehenden Truppen aus den Celler Kasernen - u.a. der Nebeltruppenschule - in entsprechende Verteidigungsstellungen. Die Masse der Soldaten zog sich jedoch vor Ankunft der Alliierten Truppen in nordwestliche Richtung zurück. Tzschökells Ziel war seine eigene Kapitulation in der Göhrde. Die Soldaten, die er in Abwehrstellungen nach Rixförde, Ehlershausen und Wienhausen waren vermutlich nur zur Sicherung seines Rückzugs eingeplant worden. 

Der 8. April 1945 markiert einen Tiefpunkt der Celler Geschichte. Die Stadt war bereits am 22. Februar im Rahmen der "Operation Clarion" von Bomben getroffen worden. Hierbei wurde ein Truppentransport mit ungarischen Soldaten am Bahnhof getroffen. 140 ungarische Soldaten kamen dabei ums Leben. 

Die Ausmaße der Bombardierung am 8. April waren noch größer. Ziel waren auch bei diesem Angriff die Gleisanlagen im Bereich des Güterbahnhofs. 


Bild: Luftbild vom Angriff am 8. April 1945. Quelle: Archiv Altmann. 

Gegen Mittag des 8. April bombardierten einige Staffeln der 9. US-Luftflotte die Ölwerke in Nienhagen (mehr Informationen dazu: Die vergessene Mondlandschaft bei Nienhagen). Die Celler Bereitschaftsfeuerwehr rückte zur Hilfe aus. Niemand rechnete damit, dass Celle selber zum Ziel eines schweren Bombardements werden sollte. 

Um etwa 16:00 Uhr traf auf dem Celler Güterbahnhof ein Zug ein, der zuvor auf der Strecke Gifhorn-Celle unterwegs gewesen war. Er stammte aus dem KZ Drütte bei Salzgitter - einem Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg. Da amerikanische Flugzeuge die Bahnstrecke überflogen, ließ der Bahnhofsvorsteher den Zug in den Güterbahnhof nach Celle einfahren. 

An Bord des Zuges waren vorwiegend entkräftete Häftlinge, die zur Rüstungsproduktion in den Herrmann Göring Werken eingesetzt worden waren. Es handelte sich um etwa 4.000 Menschen, die aus fast allen Teilen Europas stammten. Im Celler Bahnhof hielt der Zug, da die Lokomotive ausgewechselt werden musste. Bevor er, wie geplant um 18.15 Uhr weiterfahren konnte, gingen um 17:45 Uhr die Luftschutzsirenen los. Vom Flugplatz Wietzenbruch vernahm man erstes Flak-Feuer. 

Insgesamt wurde Celle an diesem Tag von 132 zweimotorigen Flugzeugen des Typs B-26 Marauder angegriffen, die in mehreren Angriffswellen eine Bombenlast von etwa 240 Tonnen Sprengbomben über dem Bahnhofsbereich abwarfen. 


Der KZ-Transportzug wurde schwer getroffen. Neben ihm hatte ein Versorgungszug der Wehrmacht gestanden. Unmittelbar nach dem Angriff ereigneten sich schwere Ausschreitungen gegen die fliehenden KZ-Häftlinge. Die Ereignisse gingen als "die Celler Hasenjagd" in die Geschichte ein. 

Weiter westlich rückte am 8. April die 84. US Infanterie Division über Bückeburg vor. Ihr nächstes Ziel war die Stadt Hannover. 

Bild: Vormarsch der alliierten Truppen am 8. April 1945. Quelle: War office. 

Am 10. April wurde Hannover schließlich durch Truppen der 84. US Infanterie Division eingenommen. Hierbei kamen auch die Infanterie-Regimenter 333., 334 und 335 zum Einsatz, die später in die Ortschaften des Landkreises Celle einrücken sollten. 

In Hannover trafen die Einheiten der 84. US Infanterie Division erstmals auf die "SS Kampfgruppe Wiking". Diese war mit schweren Kampfpanzern vom Typ Sd.Kfz 251 "Jagdpanther" in östliche Richtung unterwegs, um Anschluss an die eigene Truppe zu suchen. Am ehemaligen Bahnhof Hainholz in Hannover wurde einer der Jagdpanther durch US Panzerjäger abgeschossen...


Bild: Fotomontage - einst und heute. 
Quelle: JänzW / Montage: Hendrik Altmann. 


Der US Einmarsch in Hannover erfolgte aus nordwestlicher Richtung. Die Stadt konnte ohne größere Gegenwehr eingenommen werden. Dies lag unter anderem daran, dass der Volkssturm nicht wie geplant eingesetzt werden konnte. Das Kriegstagebuch der Wehrmacht erwähnt am 10. April 1945 "feindliches Vorgehen in nordöstliche Richtung" und Artillerie-Feuer auf das Zentrum Hannovers. 

Heinz Friedrich war damals Richtschütze in einem der Jagdpanther der SS-Kampfgruppe Wiking. In den nächsten Tagen war die Kampfgruppe in der Lüneburger Heide unterwegs, wobei sie mehrfach den alliierten Vormarsch behindern sollte. Friedrich überlebte den Krieg vermutlich nicht - er gilt bis heute als vermisst. Seine ehemaligen Kameraden beschrieben die Ereignisse allerdings in Briefen, die sie nach Kriegsende an Friedrichs Eltern sandten.  Danach war die SS-Kampfgruppe Wiking der letzte Verband, der Hannover verließ... 

Bild: Einmarschroute der 84. US Infanterie Division in Hannover. Quelle: Draper, the 84. infantry division in the battle of germany. 

Hannover war zu diesem Zeitpunkt schwer durch die vorangegangenen Bombenangriffe gekennzeichnet. Einige Stadtteile waren durch die flächenmäßigen Bombardements schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. 

Bis heute werden bei Bauarbeiten regelmäßig Bildgänger aus dieser Zeit in Hannover gefunden... 

Bild: Hannover nach den Bombenangriffen. Quelle: US strategic bombing survey. 

Am 9. und 10. April stießen britische Verbände bei Schwarmstedt und Essel in Höhe von Hademstorf über die Weser und die Aller vor. Die deutsche Verteidigung erfolgte durch Marinesoldaten und den Hilfstruppen vom Reichsarbeitsdienst, die nur unzureichend ausgerüstet waren. In nördliche Richtung waren stärkere SS- und Wehrmachtsverbände vorhanden, die sogar noch über Panzer vom Typ Tiger I verfügten und einsetzen konnten. 

Dem massiven Ansturm der britischen Divisionen konnte jedoch nicht standgehalten werden, sodass die wichtigen Allerbrücken bei Bothmer fielen. Den Alliierten stand damit an dieser Stelle am 10. April 1945 ein erster Alleeübergang zur Verfügung. 

Auf Celle marschierten in Folge dieser Ereignisse dieser Ereignisse sowohl die britischen Truppen westlicher Richtung als auch die US Truppen aus südwestlicher Richtung. 

Bild: Die vorrückende 84. US Infanterie Division. Quelle: Draper, the 84. infantry division in the battle of germany. 

In nur zwei Wochen war es den Alliierten Truppen gelungen vom Rhein bis in Höhe der Weser und Aller vorzurücken. Das Bild auf deutscher Seite war fast in allen Orten ähnlich. Die Truppen der Wehrmacht fluteten zurück, man bereitete sich auf den Einmarsch vor. 

Noch kurz bevor die alliierten Truppen die Landkreisgrenze überschritten, erschien in der Celleschen Zeitung eine Bedienungsanleitung für Panzerfäuste. Diese fortschrittlichen Waffen zur Panzer-Nahbekämpfung konnten auch durch Zivilisten verwendet werden. 

Bild: Auszug aus der Celleschen Zeitung vom 04.04.1945. Quelle: CZ. 

Am 10. April war Hannover eingenommen worden. In den kommenden Tagen standen britische und US Truppen an der Grenze zum Landkreis Celle. 

Oft heißt es im Zweiten Weltkrieg sei in dieser Gegend bereits nicht mehr viel los gewesen. Das Gegenteil war der Fall. Besonders im Bereich der Aller stießen die US Truppen auf den stärksten Widerstand seit der Rhein-Überquerung. Fanatische Einheiten der SS und Teile der Wehrmacht hielten Ortschaften und wichtige Brücken über die Aller. 

In den weiteren Beiträgen dieser Serie wird der Einmarsch der Alliierten in den Landkreis Celle behandelt. Zum nächsten Teil: Hier (Klick)


H. Altmann
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Die Zusammenhänge der letzten Kriegstage wurden u.a. im hierzu erschienenen Buch aufgearbeitet. Dieses kann über folgende Quellen erworben werden: Klick






Sonntag, 2. April 2017

Groß Hehlen - ehemaliges Gaswaffenlager des Heeres



Einigen wird bekannt sein, dass Celle einer der ersten Standorte der sogenannten Nebeltruppe war. Diese Einheit war ursprünglich eingerichtet und aufgestellt worden, um chemische Waffen im Feld wirksam einsetzen und bekämpfen zu können. Im Verlauf des Krieges kamen die großen Bestände an chemischen Waffen jedoch nicht zum Einsatz. Allerdings wurden davon große Mengen vorgehalten - insbesondere in der sogenannten "Raubkammer" bei Munster. Ganz in der Nähe von Celle befand sich ein geheimes Depot des Heeres für chemische Kampfstoffe. 

Aufgrund der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg wurde auch im Dritten Reich mit chemischen Kampfstoffen experimentiert. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass es zu einem Einsatz der Bestände gekommen wäre, falls eine beteiligte Kriegspartei zu diesem Mittel gegriffen hätte. 

Vor diesem Hintergrund entstand in Celle schon vor Kriegsausbruch eine der ersten Heeresgasschutzschulen. Hier wurden entsprechende Truppenteile besonders mit dem Umgang von entsprechenden kampfmittel geschult. Darüberhinaus stand die Gefahrenabwehr, d.h. Erstmaßnahmen wie insbesondere die Dekontamination im Vordergrund der Ausbildung. Durch die Etablierung der Nebeltruppe und ihre Angliederung an das Heer erhielt der Standort Celle weitere Bedeutung. 

Für den ordnungsgemäßen Betrieb wurde es bald schon nötig ein entsprechendes Depot zu unterhalten. Dieses wurde auf einer Fläche nördlich des Ortes Groß Hehlen errichtet. In der Karte des britischen War Office von 1951 ist das Depot noch verzeichnet. 

Bild: Lage des Heeres-Gaswaffen-Depots. Quelle: Google Earth; eigene Recherchen. 

Der ausgewählte Standort bei GroßHehlen eignete sich offenbar sehr gut. In unmittelbarer Nähe befanden sich weitere militärische Einrichtungen, wie die Heeresmunitionsanstalt Scheuen und der Einsatzhafen bei Hustedt. Die legend war somit bereits gut gesichert. Außerdem lag das Depot in unmittelbarer Nähe zur damaligen Nebeltruppenschule an der Hohen Wende in Celle. 

Bild: Lage des Heeres-Gaswaffen-Depots. Quelle: Google Earth; eigene Recherchen.  

Aus vorliegenden Aufzeichnungen geht hervor, dass regelmäßig Gasschutzübungen auf dem Übungsgelände bei Scheuen abgehalten wurden. Hierfür konnten die Soldaten der Gasschutzschule von Celle kommend die erforderlichen Materialien im Depot bei Groß Hehlen beladen und den Übungsplatz im nördlich gelegenen Scheuen erreichen, ohne mit der heiklen Fracht im Stadtgebiet unterwegs zu sein. 

Bild: Übung bei Scheuen. Quelle: italienische Truppen bei einer Gas-Übung. Enemy capabilities for chemical warfare, u.s. Army Handbook, 1943.    

Der genaue Aufbau des Heeres-Gaswaffenlagers bei Groß Hehlen gibt bis heute Rätsel auf.  Vor Ort lassen sich keine Gebäude mehr auffinden, die auf den ehemaligen Standort hindeuten. Historische Karten, die mittels aktueller Technik zur Kartenbearbeitung neu aufgearbeitet wurden, belegen den Standort allerdings eindeutig. Auch auf entsprechend angepassten Satellitenbildern sind die noch erhaltenen Gebäude des Heeres-Gaswaffen-Depots noch eindeutig erkennbar. 

Bild: Heeres-Gaswaffenlager bei Groß Hehlen. Quelle: Google Earth; eigenen Recherche. 

Die Geheimdienste der Alliierten haben offenbar bereits früh vom Heeres-Gaswaffenlager bei Groß Hehlen erfahren. Möglicherweise gaben frühe Luftaufnahmen Aufschluss über das gut versteckte Depot bei Scheuen. In einer kürzlich überarbeiteten Quellenversion des u.s. intellegence Bulletin findet sich neben namenhaften Heereseinrichtungen auch das als "Army Chemical Troops Depot" aufgeführte lager bei Groß Hehlen.   

Bild: gesondert bearbeiteter intellegence Bulletin. Quelle: intellegence Bulletin, 1944 - eigene Recherche. 

Bereits das Deckblatt des Berichts verweist eindeutig auf die Relevanz und hohe Bedeutung des Standorts bei Celle. Die eingefügten Buchstaben "CE" geben Hinweis darauf, dass sich die Einheiten des OSS (Office of Strategic Services) explizit mit dem Depot-Standort bei Celle befasst haben müssen. 


Bild: gesondert bearbeiteter intellegence Bulletin. Quelle: intellegence Bulletin, 1944 - eigene Recherche

Vor Ort sind nur noch wenige Bestandteile des alten Heeres-Gaswaffenlagers zu sehen. Die meisten Einrichtungen von damals sind bereits verschwunden. Nur noch einige Kilometer entfernt finden sich Überreste alter Fahrzeuggaragen. Diese haben jedoch mit der einstigen Heeres-Gaswaffen-Lagerstätte wenig zu tun. 

In Groß Hehlen fanden sich kaum Zeitzeugen, die noch Hinweise zum einstigen Depot geben können. Nur Retsre Lirpa erinnerte sich an ihre Zeit als Arbeiterin Lager bei Groß Hehlen. Sie gehört vermutlich zu den letzten noch lebenden Zeitzeugen, die über diese Zeit berichten können. 

Bild: Fahrzeuggarage des Depots, die jedoch nicht zum Depot gehörte. Quelle: eigene Recherche

Im bis heute kaum zugänglichen Gelände finden sich noch einige Hinweise auf die Präsenz der einstigen Truppen. Längst verwitterte Dokumente liegen auf dem Boden der Baracke die erst später und zu einem anderweitigen Zweck auf dem Gelände des Übungsgeländes bei scheuen errichtet wurde. 

Bild: alte Dokumente in einer ehemalige Fahrzeuggarage. Quelle: eigene Recherche.

Noch sind einige Zusammenhänge des einstigen Heeres-Gaswaffenlagers bei Groß Hehlen ungeklärt. Bis heute gibt es insbesondere keine verlässlichen Quellen, die von der Entstehung dieses streng geheimen Lagerkomplexes, für höchstgeheime chemische Waffentechnologien des Dritten Reiches, berichten. Vor Ort scheinen alle Spuren bereits entfernt worden zu sein. Es deutet vieles darauf hin, dass - ungeachtet der bislang angeführten Anstrengungen, die sich bislang auf diesen Blog beschränken - keinerlei stichhaltige Hinweise auf die Existenz des einstigen Heeres-Gaswaffen-Depots zu finden sind. 

Somit sind sicherlich weitere Nachforschungen erforderlich. Weitere Ergebnisse werden in Kürze ergänzt. 

Dieser, am 1. April 2017 erschienene Beitrag ist ein Aprilscherz. 


H. Altmann 


Mittwoch, 29. März 2017

Pferderennen in Celle



Es ist wohl kein Geheimnis, dass Celle auf eine lange Geschichte der Reiterei zurückblickt. Das Niedersächsische Landgestüt in Celle existiert bereits seit 1735. Über die Zucht edler Pferderassen hinaus verfügte Celle einst noch über weitere Einrichtungen bei denen Pferde im Mittelpunkt standen. Zu diesen zählten im 19. Jahrhundert auch zwei Pferde-Rennbahnen, die heute allerdings bereits stark in Vergessenheit geraten sind... 

Am 11.09.1834 fand das erste Pferderennen in Celle statt. Es wurde auf den Wiesen an der Aller in Höhe von klein Hehlen veranstaltet und dauerte drei Tage. Die Geschichte der Celler Pferderennen fällt mit den Gebrüdern von Spröcken zusammen. Die Freiherren von Spröcken waren nacheinander Leiter des Landgestüts (Landstallmeister). Freiherr August Otto Ludwig von Spröcken, geboren 1777 (+ 18.07.1851, Lüdersberg) leitete das Landgestüt zwischen 1816 und 1839. Sein Bruder Friedrich, geboren 1790 (+ 1871, Celle) leitete dasselbe nachfolgend bis 1866.  

Der "Plan der Stadt Celle" aus dem Jahr 1855 zeigt die Rennbahn unmittelbar südlich des Kaninchenbusches bei Klein Hehlen. In der Karte ist bereits eine Tribüne eingezeichnet. 

Bild: Lage der Rennbahn bei Klein Hehlen. Quelle: Google Earth, Plan der Stadt Celle 1855. 

Die Brüder von Spröcken waren die Initiatoren der heller Pferderennen. Diese erlangten aufgrund des überregionalen Rufs der Celler Pferdezucht schnell Beliebtheit. Bereits am ersten Renntag erschien der Vizekönig Adolph Herzog von Cambridge, nebst Gemahlin. 

Rund 12.000 auswärtige Besucher waren angereist. Eine große überdachte Tribüne für etwa 1.800 Zuschauer war in Blickrichtung auf die Rennstrecke errichtet worden. Jährlich wurden im Herbst große Pferderennen veranstaltet, die sich in den ersten Jahren großer Beliebtheit erfreuten. 

Noch heute heißt die nördlich der ehemaligen Rennstrecke bei Klein Hehlen verlaufende Straße "Tribünenbusch". 



Bild: Straße Tribünenbusch bei Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Die letzten Rennen wurden 1859 im Neustädter Holz abgehalten. Südlich von Boyer, unterhalb der Aller - etwa in Höhe der alten Schäferei - fand das letzte Rennen statt. Verschiedene Einflüsse hatten dazu geführt, dass die Besucherzahlen nachließen. Mitverantwortlich waren u.a. aufkommende Glücksspiele. Auch der Niedergang des Königreichs Hannover durch die Annexion Preußens im Jahr 1866 war ein Grund für die Einstellung der Pferderennen. 



Bild: Rennbahn nordwestlich der alten Schäferei. Quelle: Google Earth, Papen Atlas, 1839. 

Von den einstigen Anlagen ist heute freilich nichts mehr zu finden. Die Parcours sind längste verschwunden - die alte Holztribüne bei Klein Hehlen gehört der Geschichte an. Die nach ihr benannte Straße verläuft übrigens zu weit östlich Eigentlich lag die alte Tribüne weiter westlich im Verlauf der heutigen Schubertstraße. 


Bild: Straße Tribünenbusch bei Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Ungefähr dort, wo sich auch heute noch ein kleiner Kiefernbusch befindet, stand einst die Tribüne, die der heutigen Straße den Namen gab. Die übrigen Anlagen wurden durch die späteren baulichen Maßnahmen im Bereich des Flusslaufes, die u.a. dem Hochwasserschutz dienen sollten, entfernt. Heute erinnert somit nur noch der Straßenname an die alte Tribune der Celler Pferderennen. 

Bild: Straße Tribünenbusch bei Klein Hehlen. Quelle: H. Altmann. 

Gelegentlich kommt es zu Verwechslungen, wenn Leute annehmen der Name "Tribünenbusch" würde auf die heutigen Sportplätze in Richtung der Alleebrücke hindeuten. 

Die heutigen Sportanlagen befanden sich jedoch noch hunderte Meter von der einstigen Pferderennbahn entfernt. Möglicherweise wurde die Länge der Straße "Tribünenbusch" in diesem Zusammenhang etwas unglücklich gewählt... 



Bild: Blick in Richtung der heutigen Sportanlagen (Richtung Allerbrücke). Quelle: H. Altmann. 

Insgesamt ist die Straße "Tribünenbusch" ein gutes Beispiel dafür, wie sehr die Geschichte direkt vor unserer Haustür in Vergessenheit geraten ist. Kaum jemand weiß noch etwas über die Pferderennen von Celle. Dabei gehörten sie für die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert zu den wichtigsten gesellschaftlichen Großereignissen überhaupt. 

Blicken wir zurück auf die Entwicklung unserer Stadt, so standen die Pferderennen einheitlich in der einmaligen Tradition der Celler Pferdezucht. Eigentlich ist es schade, dass diese Zusammenhänge derart in Vergessenheit geraten konnten. 


H. Altmann



Mittwoch, 22. März 2017

Weiße Geister an der Straße von Celle nach Rebberlah


Im Raum Celle gibt es einige düstere Sagen und Legenden. Bei manchen dieser Geschichten ist bis heute nicht abschließend geklärt, ob es frei erfundene Märchen sind, oder ob es sich um Erzählungen aus alten Zeiten handelt, deren Ursprung längst vergessen ist. 

Zur Heimatforschung gehört es nicht nur die faktisch greifbaren Zusammenhänge zu betrachten. Auf diese Weise wäre langfristig kein Erkenntnisgewinn zu verbuchen. Vielmehr ist es ebenso notwendig Sagen und Legenden zu untersuchen. So manche Geschichte beinhaltet Hintergründe, die sich an einstige Geschehnisse anlehnen. Der nachfolgende Beitrag widmet sich daher einer Legende aus dem nördlichen Landkreis, die bisher vielen unbekannt sein dürfte. 

Bereits vor einiger Zeit habe ich in diesem Blog über die Legende vom "weißen Kind bei Scheuen" berichtet. Die mündlich überlieferte Sage berichtet von einem Gespenst in Gestalt eines Kindes. Der Sage nach, gingen eingespannte Pferde in einem Bereich bei Scheuen durch. Bauern haben das weiße Kind angeblich gesehen. 

Die Legende wurde schriftlich festgehalten in der Sammlung von H. Harrys, Volksagen, Märchen und Legenden Niedersachsens, Bd. 1, Celle 1840. 

Bilder: Legende vom weißen Kind bei Scheuen. Quelle: H. Harrys, Volksagen, Märchen und Legenden Niedersachsens, Bd. 1, Celle 1840. 

Die Legende vom "weißen Kind bei Scheuen" ist inhaltlich recht einfach gehalten. Daher lassen sich auch leider kaum Rückschlüsse auf den möglichen Ort des Geschehens ziehen. Dieser lässt sich anhand der Sage nur auf eine "morastige Wiese" bei Scheuen eingrenzen. 

Im Bereich des Ortes Scheuen finden sich jedoch zahlreiche Stellen, die auf diese Beschreibung zutreffen. "Morastig" waren einst viele Wiesen und Gegenden. Hieraus lassen sich also kaum Rückschlüsse ziehen. 

Umso spannender ist es, dass kürzlich eine ähnliche Legende aufgetaucht ist, die im selben räumlichen Gebiet angesiedelt ist. Ein Zufall? Dies soll nachfolgend untersucht werden. 

Die Sage von der "Spukkuhle auf dem Arloh" lautet folgendermaßen: 

Auf dem Arloh, rechts am Wege von Celle nach Rebberlah, befindet sich eine Bodenvertiefung, Spukkuhle genannt. Während des Dreißigjährigen Krieges soll hier ein Reiter seine Braut und deren Kind ermordet haben. Viele behaupten, hier einen Reiter zu Pferde, auch ein Mädchen mit einem weinenden Kinde auf den Armen gesehen zu haben. Den Fuhrleuten sind häufig an dieser Stelle die Pferde wild geworden. 

Bilder: Legende vom weißen Kind bei Scheuen. Quelle: Cellesche Zeitung, Januar 1930

Es ist beeindruckend eine derart ähnliche Geschichte in ein- und derselben Gegend anzutreffen. Die Gemeinsamkeiten der Legenden sind offensichtlich. In beiden spielt ein Kind eine maßgebliche Rolle. Aus dem Umstand, dass in beiden Versionen Pferde scheu wurden lässt sich schließen, dass die Legenden aus derselben Zeit stammen könnten. 

In der letzteren Legende "die Spukkuhle auf dem Arloh" findet sich der Hinweis auf sogenannte Fuhrleute. Die Zeit der Fuhrleute lässt sich konkret zwischen 1800 und 1880 datieren. In dieser Zeit entwickelte sich das Frachtfuhrwesen in der Heide. Später übernahmen zunächst Eisenbahnen und später die ersten motorgetriebenen LKW die Aufgaben der einstigen Frachtfuhrleute. 

Natürlich lässt sich die Legende nur eingeschränkt überprüfen. Für ihren endgültigen Beleg wäre es notwendig die erwähnten Geistererscheinungen eindeutig zu beweisen - dies ist hier natürlich nicht möglich. trotzdem lassen sich einige Indizien anführen, die zumindest den Kontext der Legende belegen bzw. widerlegen können. 

Die Sage erwähnt eine Bodenvertiefung rechts des Weges von Celle nach Rebberlah. Karten sind in diesem Bereich leider erst ab der Kurhannoverschen Landesaufnahme (1780) in ausreichender Genauigkeit verfügbar. Entsprechend schwer ist es den genauen Ort der erwähnten Bodenvertiefung zu lokalisieren. Im Grunde ist dies anhand der vorliegenden Informationen unmöglich. Auch ein direkter Vergleich der historischen Karten mit aktuellenSatellitenbildern liefert diesbezüglich keine hilfreichen Erkenntnisse. 

Bilder: Vergleich der Kurhannoverschen Landesaufnahme mit dem aktuellen Satellitenbild.  Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme, 1780 / Google Earth.  

Trotzdem lässt sich zumindest der einstige Straßenverlauf als solcher nachvollziehen. In der legende heißt es die "Spukkuhle" habe sich rechts der Straße zwischen Celle und Rebberlah befunden. 

Diese Straße verlief tatsächlich einst am Rande des Arloh. Noch in der topografischen Spezialkarte aus dem Jahr 1822/1823 lässt sich der Verlauf der einstigen Straße nachvollziehen. 

Bilder: Verlauf der alten Straße. Quelle: Topografische Spezialkarte 182271823.  

Kartografisch lässt sich somit belegen, dass zwischen Celle und Rebberlah einst eine wichtige Straße verlief. Die Straße zwischen Celle und Eschede wurde erst später angelegt - vermutlich nach 1815, also nach der Besatzungszeit durch französische Truppen. 

Bilder: Verlauf der alten Straße. Quelle: Google Earth.  

Damit lässt sich zumindest der Straßenverlauf zwischen Celle und Scheuen, der sich einst am Arloh entlang zog, bewahrheiten. Tatsächlich befand sich hier seinerzeit eine alte Straßenverbindung, die bereits in die älteste Zeit zurückreichen dürfte. 

Es wäre scheint daher durchaus plausibel, dass in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine wichtige Straße von Celle über Rebberlah nach Norden führte. Allerdings hat sich die Landschaft durch landwirtschaftliche Einflüsse und vor allem durch die Flurbereinigungen im Rahmen der Verdoppelungsmaßnahmen grundlegend gewandelt. Der historische Straßenverlauf lässt sich noch in Teilen nachvollziehen. Allerdings sind sonstige landschaftliche Merkmale nur noch selten erkennbar. 

In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es um Celle keine unmittelbaren Kampfhandlungen. Trotzdem zeigten sich die Auswirkungen dieses länderübergreifenden Konflikts auch ein dieser Region. Immer wieder wird von den Repressionen berichtet, denen die einfache Bevölkerung durch vagabundierende Truppen ausgesetzt war. In mehreren Orten im Kreis Celle wird noch heute von Geschichten aus dieser schlimmen Zeit berichtet. 

Schließlich verlegte Hermann Löns die Geschichte des "Werwolfs" bewusst in diese Region. Es spricht also vieles dafür, dass sich zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) auch im Raum Celle Ereignisse zutrugen, die im Zusammenhang zum krieg standen. 

Natürlich lassen sich einzelne Ereignisse aus dieser Zeit heute im Detail nur noch schwer nachvollziehen. Es ist also quasi unmöglich den Wahrheitsgehalt der Legende zu überprüfen. Hinzu kommt, dass sich das Landschaftsbild stark verändert hat. Es wäre der höhere Zufall, dass sich die besagte "Spukkuhle" bis heute erhalten hat. 

Bilder: Verlauf der alten Straße. Quelle: H. Altmann.   

Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Legende inhaltlich plausibel ist. Hinsichtlich der historischen Straßenverbindung und des geschichtlichen Zusammenhangs wäre es objektiv möglich, dass sich an der einstigen Straße zwischen Celle und Rebberlah im Dreißigjährigen Krieg ein Mord ereignet hat. 

Inwiefern die Sichtungen von Geistern und das angebliche Verhalten der Zugtiere realistisch ist, kann nicht abschließend geklärt werden. Zu jeder Zeit haben derartige Geschichten die Phantasie angeregt. Teilweise war damit auch eine bestimmte Intention verbunden - insbesondere, wenn die Geschichten eine Moral vermitteln sollten. Vorliegend ist diese nicht  erkennbar. Bereits die Verwendung des Begriffs "Spukkuhle" und die Art und Weise auf welche sich die Erscheinungen ereignet haben sollen, schließt planbares Verhalten aus. 

Es scheint sich also vorliegend nicht um eine Geschichte zu handeln, die eine bestimmte Wertvorstellung vermitteln soll. Vielmehr handelt es sich um eine Gruselgeschichte, die der Unterhaltung dienen sollte. Die Geschichte ist so angelegt, dass ein Hörer sich mit ihr identifizieren kann. Dieses Stilmittel ist auch heute noch ein fester Grundsatz bei Horror- und Gruselfilmen. Würde sich der Leser, Zuschauer oder Zuhörer nicht in die entsprechende Lage versetzen können, wäre die Geschichte nicht mehr gruselig. Es deutet also vieles darauf hin, dass diese Legende bewusst so angelegt wurde. 

Auffällig ist, dass dieselbe Geschichte in zwei Versionen vorliegt. Dies spricht möglicherweise weniger führ ihren Wahrheitsgehalt, als dafür, dass sie einst häufiger erzählt worden ist. Weiterhin ist die Ähnlichkeit zur Geschichte der weißen Frau aus der Sprache bei Lachtehausen. Es finden sich viele ähnliche Motive (schicksalhafter Tod, Frau, Kind usw.). Es wäre spannend herauszufinden, ob die Geschichten vielleicht aneinander angelehnt wurden und sich möglicherweise nur geografisch verlagert haben. 

Im Ergebnis ist die Legende der Geistererscheinungen an der alten Straße zwischen Celle und Rebberlah absolut spannend. Sie verbindet historische Zusammenhänge mit einstigen Beobachtungen. Aus heutiger Sicht ist es daher aufregend diese Zusammenhängen zu untersuchen. 


H. Altmann