f Hahnenhorn - Moor, Brennesselanbau, Provinzialgut, Heilanstalt, eigenständige Gemeinde ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Montag, 25. August 2014

Hahnenhorn - Moor, Brennesselanbau, Provinzialgut, Heilanstalt, eigenständige Gemeinde




Noch vor rund einhundert Jahren war das Landschaftsbild vielerorts ein völlig anderes als heute. Die Orte waren nicht nur von fruchtbarem Ackerland, sondern auch von Heide- und Ödland umgeben. Spätestens mit der Verkoppelung Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solchen Flächen erstmals eine gestiegene Bedeutung beigemessen. 

Zwischen Hohne und Müden erstreckt sich noch heute das schier endlose Hahnenmoor. Allerdings sieht man heute kaum noch Moor - einzig durch die dünne Besiedlung hebt sich dieser Landstrich von dem Umland ab. Noch vor einhundert Jahren war hier die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu ende. Laut Hohner Schulchronik "sagen sich hier Fuchs und Hase gute Nacht". 

Der Boden war einst durchnässt, sumpfig und nicht nutzbar. Im späten 19. Jahrhundert war das Hahnenmoor ein sogenanntes Übergangsmoor. Es gab stellenweise bis zu 2m tiefe Moornester. Vielerorts war das Gebiet sandig, mit Heide, Krüppelkiefern und vereinzelten Birken bewachsen. Eine Pechschicht verhinderte, dass das Regenwasser versickerte. Nur stellenweise gab es Wiesen, die sehr wenig Ertrag an Heu lieferten und die Besitzern letztlich mehr Steuerabgaben kosteten, als sie Einnahmen brachten. 

Durch Flächenbrände war der Boden zusätzlich beeinträchtigt. Im Jahr 1915 wütete ein schwerer Brand, der fast 20.000 Morgen Wald und Heide vernichtete. Zumal das Gebiet nicht erschlossen war, erschwerten die weiten Wege zu den Dörfern am Rand des Moores die Bewirtschaftung. Die Poststraße, welche nördlich von Müden zwischen Celle und Gifhorn verlief, war nur in den Sommermonaten passierbar. Zwischen Hohne und Müden gab es bis ins Jahr 1893 keine feste Straße. Erst dann wurde eine solche gebaut und verband Hohne mit dem Bahnhof in Meinersen. 

Bild: Hahnenmoor um 1899. Orange: Poststraße Celle-Gifhorn. Grün: Straße zwischen Hohne und Müden (ab 1893). Quelle: Preußisches Messtichblatt von 1899. 


Allerdings gab es am Rand des Moores um 1900 erste Erfolge bei der Urbarmachung des Geländes. So entstand bei zuerst bei Müden fruchtbares Ackerland. Im Jahr 1902 richtete der Landrat von der Wense einen Brief an den Regierungspräsidenten in Lüneburg in welchem er unter anderem die Urbarmachung und Erschließung des Hahnenmoores vorschlug. Es sollten jedoch noch einige Jahre ins Land gehen, ohne dass die Pläne umgesetzt wurden. Nicht alle angrenzenden Gemeinden profitierten gleichermaßen von der Maßnahme und so musste zunächst Überzeugungsarbeit geleistet werden. Weiterhin hatten viele die Befürchtung, dass die Entwässerung des Moores zu höheren Pegelständen der Aller und des Schwarzwassers führen könnte. Es wurden also weitere Studien durchgeführt. 

Erst mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde der Meliorationsplan für das Hahnenmoor in Angriff genommen. Insgesamt wurden die Kosten auf etwa 300.000 Mark veranschlagt - eine Summe die jedoch aufgrund der folgenden Geldentwertung um ein Vielfaches übertroffen wurde. Von den Grundstückseigentümern wurde die Hahnenhorngesellschaft ins Leben gerufen. Da die wehrtüchtigen Männer im Kriegseinsatz waren, stellte die Hahnenhorngesellschaft beim Generalkommando in Hannover einen Antrag auf die Überweisung von 1.000 Kriegsgefangenen. 

Im Sommer 1915 wurde an der Straße zwischen Hohne und Müden ein Barackenlager errichtet. Dort zogen bereits kurz darauf ca. 750 Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationen ein. 100 deutsche Landstürmer dienten als Wachmannschaft für das Lager. Es waren Russen, Engländer, Italiener, Belgier, Franzosen, Polen, Ukrainer, und viele weitere Nationen vertreten. Besonderen Eindruck hinterließen scheinbar vor allem die russischen Gefangenen. Sie arbeiteten hart und waren scheinbar immer hungrig. Sie sollen sogar in den Pausen Fische im Schwarzwasser gefangen haben, sie bis zur nächsten Mahlzeit in die raschen gesteckt haben und dann roh verspeist haben. 

In mühevoller Handarbeit wurde das Ödland in kultiviertes Acker und Weideland umgewandelt. Es entstand die Frage wie das neu gewonnene Land am besten zu verwenden sei. Geplant war die Gründung eines neuen Dorfes, welches die umliegenden Flächen bewirtschaften sollte und überschüssige Arbeitskraft an die Nachbarorte abgeben konnte. Die hannoversche Siedlungsgesellschaft verhandelte mit den Grundbesitzern - es konnte aber keine Übereinkunft erzielt werden. 

Bild: Hahnenmoor um 1937. Orange: Poststraße Celle-Gifhorn. Grün: Straße zwischen Hohne und Müden (ab 1893). Quelle: Preußisches Messtichblatt von 1937. 


Währenddessen tobte der Erste Weltkrieg an allen Fronten. Die täglichen Dinge des Lebens wurden immer knapper oder waren überhaupt nicht mehr verfügbar. Ein schwerwiegendes Problem waren vor allem die Blockaden von Importen, sodass es des deutschen Wirtschaft schlichtweg an den nötigen Rohstoffen fehlte, um die Güternachfrage im eigenen Land zu bedienen. 

Vor diesem Hintergrund erwarb die Berliner Nesselbaugesellschaft im Jahr 1917 die Gefangenenbaracken und sonstigen vorhandenen Gebäude im Hahnenmoor. Es entstanden ebenfalls noch weitere Arbeiterwohnungen. Weiterhin pachte und kaufte die Nesselbaugesellschaft weite Teile des Hahnenmoores. Mit Dampfpflügen und anderem schweren Gerät wurde das Land bearbeitet, gedüngt und schließlich mit Brennnesseln bepflanzt. 

Bild: Brennnessel. Quelle: Wikipedia. 


Da keine Baumwolle importiert werden konnte, mussten die nötigen Fasern aus anderen Rohstoffen gewonnen werden. Aus Brennnesseln lassen sich entsprechende Fasern gewinnen - wenn nur genügend der Pflanzen angebaut werden. Unter anderem ließen sich aus der Brennnesselfaser, die der Baumwolle in vielen Eigenschaften gleichkam und sogar in einigen übertraf, wichtige Stoffe für den Heeresbedarf gewinnen. Beispielsweise Ballonstoffe für Fesselballons. 

Im gesamten Reich wurden daher Brennnesselsammlungen durchgeführt. Unter anderem kam Schülern die Aufgabe zu Brennnesseln in der Natur einzusammeln und sie an die Nesselanbaugesellschaft abzugeben. Für 2,80 Mark pro Kilo sammelten ganze Schulklassen nun Brennnesseln. Es war verboten Brennnesseln an Tiere zu verfüttern. Neben Hahnenhorn betrieb die Gesellschaft noch weitere Betriebe im Reich. Im ersten Anbaujahr schlug die Ernte aufgrund einer Dürre fehl. 

Als der Krieg vorbei war, wurden die Exportverbote gegen Deutschland aufgehoben. Es bestand somit kein Bedarf mehr an Brennnesselfasern. Weiterhin fielen die staatlichen Förderungen der Nesselbaugesellschaft weg. Zwar versuchte diese sich zu einem landwirtschaftlichen Betrieb umzuwandeln - dies scheiterte jedoch aus verschiedenen Gründen. 

Nun erwarb die Firma Dr. C. Otto & Co. Dahlhausen an der Ruhr das Gelände. Zunächst wurden weitere Ödlandflächen kultiviert. In den 20er Jahren wurde mit dem Bau des Provinzialgutes Hahnenhorn begonnen. Es entstand ein neuzeitlich eingerichteter Gutshof auf dem modernsten Stand der damaligen Technik. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager wurde aufgegeben. Stattdessen wurde ein neuer, günstiger gelegener Wirtschaftshof errichtet. Es entstanden moderne Wohnungen für die Arbeiter und Angestellten. 

Bild: Hahnenhorn um 1945. Quelle: Messtichblatt 1945 in Google Earth. 


Bild: Hahnenhorn um 1945 im Vergleich zu heute. Quelle: Messtischblatt 1945 in Google Earth


Den Hofeingang begrenzten zwei hohe Dreschtürme. Dahinter lagen die Stallungen - ein Rinderstall für 400 Tiere, Schweine und Pferdestallungen. Es gab eine Molkereianlage mit neusten Maschinen, ein eigenes Elektrizitätswerk und moderne landwirtschaftliche Maschinen. 

Die Anlage verfügte weiterhin über ein großzügiges Herrenhaus mit Geschäfts- und Wirtschaftsräumen. der Gesamtwert des Betriebes wurde mit 1,5 Millionen Goldmark beziffert - eine enorme Summe. 

Bild: Gutshof Hahnenhorn. Quelle: Der Speicher


Die ersten Jahre verliefen durchaus zufriedenstellend. Die Getreide- und Kartoffelernten lieferten solide Erträge. Allerdings kam es in den Zwanziger Jahren ebenfalls zu großen Preisschwankungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Geldentwertung und wirtschaftliche Missstände taten ihr Übriges, sodass die Firma Dahlhausen das Gut bereits im Jahr 1926 veräußerte. 


Bild: Das frühere Herrenhaus Hahnenhorn. Quelle: Der Speicher





Bild: Das frühere Herrenhaus Hahnenhorn. Quelle: Kulturlandschaftswiki (Kleks) 
Link: https://www.kleks-online.de/editor/medium-file.php?id=40695


Käufer war die Provinzialverwaltung Hannover, die das Gut zu einer Heil- und Pflegeanstalt für geistig Kranke Menschen umgestalten wollte. In der Nachkriegszeit waren viele Heil- und Pflegeeinrichtungen hoffnungslos überfüllt. Weiterhin gab es Kranke, die durchaus in der Landwirtschaft tätig sein konnten. Im Jahr 1926 / 1927 gelangten ca. 120 Kranke nach Hahnenhorn. Sie wurden im Herrenhaus und in den Nebengebäuden untergebracht

Allerdings war auch dieses Konzept nicht von Dauer. Schon zehn Jahre später ging Hahnenhorn an die Hannoversche Siedlungsgesellschaft über, die nun die Gebäude und Flächen an einzelne Siedler veräußerte. In der Folgezeit entstand das Dorf Hahnenhorn, welches bis ins Jahr 1949 nach Hohne eingemeindet war. Am 19. Juni 1954 wurde Hahnenhorn eine eigenständige Gemeinde - die 100. im damaligen Landkreis Celle. 

Heute erinnern nur noch relativ wenige Spuren an die einstige Geschichte des Hahnenmoores und Hahnenhorns. Der Teich zwischen Guts- und Herrenaus ist noch zu sehen. Die umliegenden Gebäude wurden teilweise abgerissen und sind bereits überbaut. 

Bild: Hahnenhorn heute. Quelle: Google Earth


Als weit sichtbares Relikt des Gutes steht noch der einstige Hauptteil mit dem Glockenturm. 

Bild: Hahnenhorn heute. Quelle: Hendrik Altmann


Hahnenhorn ist ein gutes Beispiel für die umfangreichen Kultivierungsmaßnahmen die um die vorletzte Jahrhundertwende unternommen wurden, um neues Acker- und Weideland zu gewinnen. Unter großem Aufwand wurden in dieser Zeit Flächen ent- und bewässert und die Flächen durch Düngung und Einebnung urbar gemacht. Das meiste wurde damals durch Handarbeit verrichtet - ein heute kaum mehr vorstellbarer Aufwand. 

Die besondere Geschichte und die vielseitige Nutzungen Hahnenhorns haben heute die meisten wohl schon vergessen. Abgelegen liegt der kleine Ort nun in den Weiten des Hahnenmoores zwischen Müden und Hohne. Ringsumher befinden sich kleinere Hofstellen. 

Auf einer Radtour beispielsweise ist Hahnenhorn ein lohnenswerter Ort für einen kleinen Abstecher. Dort liegt auf jeden Fall ein Hauch von Geschichte in der Luft. 



Beste Grüße, 
Hendrik





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