f Massaker von Tamines - 100 Jahre danach ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Dienstag, 26. August 2014

Massaker von Tamines - 100 Jahre danach

Bild: Heidekaserne Celle in der 77er Straße. Quelle: Hendrik Altmann. 



Überall ist in diesem Jahr die Rede vom Ersten Weltkrieg. Die Medien machen die Historie zur Titelstory - 100 jähriges Jubiläum der Jahrhundertkatastrophe - oder so ähnlich. 

Im August des Jahres 1914 marschierten deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein. Das 77. Infanterieregiment, das sogenannte "Heideregiment" war der 2. Armee zugeteilt und rückte auf dem rechten Flügel der Invasionsfront vor. Am 21. August kam es am Fluss Sambre bei Tamines zu den Gefechten des 77. Infanterieregiments. Tags darauf war die Einnahme der Stadt vorbereitet und wurde angegangen. Oberleutnant Helmut Viereck veröffentlichte im Jahr 1934 die Regimentsgeschichte. Darin heißt es zu den Ereignissen bei / in Tamines wie folgt: 


"Im gleichen Augenblick [...] prasselte von allen Seiten ein wildes Feuer auf die noch in der Hauptstrasse steckenden Bataillone nieder. Alle Fenster spieen Feuer, Inf.- und Jagdgewehre knatterten, schwere Gegenstände wurden als Wurfgeschosse verwendet, die ganze Wut und Hinterhältigkeit des wallonischen Volkes in seinem von den Priestern noch geschürten Fanatismus entlud sich in diesem rasenden Feuerüberfall. Ein fürchterliches Durcheinander entstand in der engen Haupttrasse, verstärkt durch das nächtliche Dunkel, Pferde der MG.- Fahrzeuge scheuten, Kommandos wurden geschrien, Verwundete stöhnten und brachen zusammen. Aber nur kurze Augenblicke dauerte diese Verwirrung, schon hatten sich die Heidjer gefasst: "Rein in die Häuser und anzünden!" schrie Hptm. van Kempen; Hptm. Sietz raffte ein paar Gruppen seiner Kompagnie schnell zusammen, eilte in eine Seitengasse und brach von hinten in die Häuser der Hauptstrasse ein. Unter Kolben- und Spatenschlägen brachen die Türen auf, in den Häusern meist ein kurzer Kampf, die Wut der feige überfallenen Heidjer kannte kein Pardon, jeder Zivilist mit der Waffe in der Hand wurde erschossen, mancher flog gleich zum Fenster hinaus und wurde dann unten von anderen 77ern in Empfang genommen.“


Weiter heißt es bei Oberleutnant Viereck zum Massaker an Zivilisten wie folgt: 



In Tamines war noch ein Strafgericht zu vollziehen. In den Morgenstunden verhaftete Zivilisten harrten in der Kirche noch der Aburteilung durch das Standgericht. Der Spruch lautete auf Tod. Die feigen Attentäter wurden aufgestellt, 3 Salven krachten und alles war vorbei." 

Hintergründe sind unter anderem hier nachlesbar: Massaker von Tamines


Bild: Grabkreuze in Tamines. Quelle: Postkarte 1916. 


Die Ereignisse von Tamines konnten erst später umfassend aufgearbeitet werden. Ein Grund mag darin liegen, dass dem Ersten Weltkrieg bald der Zweite folgte, welcher weiteres Leid brachte und von den Geschehnissen im August 1914 ablenkte. Die Historiker John Horne und Alan Kramer untersuchten in ihrem Werk "Deutsche Kriegsgräuel 1914. Die umstrittene Wahrheit." unter anderem auch das Massaker von Tamines. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das deutsche Heer wie kein anderes von dem Gedanken getrieben wurde, dass sich bei ihren Feinden Armee und Volk verbrüderten. 

Bild: Tamines heute. Quelle: Wiki-Commons. 


In Tamines wurden etliche Zivilisten in die Kirche getrieben und dort festgehalten. Die deutschen Wachen sollen sie als sogenannte "Franktireurs" bezeichnet haben. Dieser Begriff entstammte dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und wurde für Heckenschützen und Partisanen verwendet. Im späteren Verlauf trug sich das von Oberleutnant Viereck als "Strafgericht" bezeichnete Geschehen zu. Viereck war jedoch selber dabei nicht anwesend. Insgesamt wurden 383 Zivilisten von den Deutschen in Taminas ermordet. Zunächst wurden sie mit Gewehren und Maschinengewehren niedergeschossen. Als sich einige tot stellten, griffen die deutschen Soldaten zu ihren Bajonetten und stachen auf die Liegenden ein. 

Bild: Ein Bataillon des 77. Inf. reg. in Celle (Alelrbrücke). Quelle: Postkarte 1910. 


Der Erste Weltkrieg war ein anderer Krieg, als alle bisherigen. Zwar war die deutsche Armee im Sommer 1914 auf dem Vormarsch - die großen Materialschlachten folgten erst später. Aber bereits zu Beginn des Krieges war klar, dass der Kampf anders verlaufen musste. Schon die technischen Voraussetzungen für das Töten im Kampf waren völlig anders als in den Konflikten zuvor. Erstmals entfaltete die Propaganda ihre gezielte Wirkung in erheblichem Ausmaß. Frankreich wurde zum Erbfeind erklärt - nicht die französische Armee, sondern ganz Frankreich. Der deutsche Soldat kämpfte demnach für sein Volk gegen das feindliche Volk. 

Tamines war nicht der einzige Ort an dem Soldaten gegen Zivilisten kämpften. Während man im 19. Jahrhundert dem Feind in Feldschlachten gegenüber stand, kam es im Ersten Weltkrieg erstmals zu Häuserkämpfen in erheblichem Ausmaß. Teilweise schossen deutsche Soldaten auf Kameraden, weil die Kämpfe in rauchverhangenen Ruinen sie glauben ließen es sei der Feind. Mancherorts wurde dann den Zivilisten die schuld gegeben. Das Verhalten war von ständiger Furcht geprägt, dass sich Zivilisten und feindliches Militär verbrüdern könnten. 

Bild: reservisten des 77. Inf. reg. in Celle (Heidekaserne). Quelle: Postkarte 1905. 


Nichts von alle dem rechtfertigt den gezielten Einsatz von Waffen gegen wehrlose Zivilisten. 

Auch die am 9. November 1901 bekannt gemachte Hager Landkriegsordnung differenziert zwischen Zivilisten, die gegen eine anrückende Armee eigenmächtig die Waffen erheben (Art. 2) und solcher Bevölkerung, die sich in einem bereits besetzten Territorium befindet. Gegen diese Bevölkerung die Waffen zu erheben ist verboten - auch nach dem moralischen Rechtsstand von 1914. 

Laut Meldung der Celleschen Zeitung will die Celler Politik nun Untersuchungen betreffend des Massakers von Tamines im August 1914 anstellen. Von verschiedenen Fraktionen wurden bereits konkrete Konsequenzen benannt: die heutige 77er Straße könnte umbenannt werden. Die Straße, an der sich die ehemalige Heidekaserne befindet wurde nach dem 77. hannoverschen Infanterieregiment benannt, welches für die Ereignisse im August 1914 maßgeblich verantwortlich gemacht wird. 



Kommentar 


Das Umbenennen von Straßennamen ist eine beliebte Maßnahme sich von unliebsamer Geschichte loszusagen. Ohne Frage ist es nicht hinnehmbar, wenn Mörder und Kriegsverbrecher mit einem Denkmal geehrt werden. Eine solche Diskussion gab es unter anderem bei der Umbenennung der Ernst-Meyer-Allee und der Kanonenstraße. 

Die Frage ist eigentlich: ist es moralisch vertretbar militärische Einheiten öffentlich zu ehren? Seit jeher war es die Aufgabe von Soldaten zu kämpfen. Kampf bedeutet immer Leid. Sei es für die eigenen Truppen, die feindlichen oder für die Zivilbevölkerung. Kein Konflikt kommt ohne das Leid mindestens einer anwesenden Partei aus. Leid kann man nicht messen - es ist keine skalierbare Größe. Ist es also nicht grundsätzlich falsch eine Straße, einen Platz oder dergleichen nach einer militärischen Einheit zu benennen? 

Fakt ist, dass Feld-, Flur- und Straßennamen in einem historischen Kontext gewachsen sind. Sie geben einen Teil der Geschichte wider und sollen zur Erinnerung an vergangene Zeiten anregen. Einen Namen gegen einen anderen auszutauschen ist letztlich eine mutwillige Verfälschung der Geschichte. In Extremfällen muss diese erfolgen. In vielen Fällen wäre es jedoch ratsam auf dem Teppich zu bleiben und sich keinem blinden Aktionismus hinzugeben. Geschichte ist ein dynamischer Prozess - Gestern ist bereits Geschichte. Straßenbau ist ebenso dynamisch - jeden Tag werden neue Straßen gebaut. Statt unliebsame Straßennamen aus dem Katalog zu streichen sollte man lieber neue Straßen sinnvoll betiteln. 

Meiner Meinung nach ist es weitaus vernünftiger eine sichtbare Hinweistafel aufzustellen, die die umfassende Geschichte des 77. Infanterieregiments schildert - in Höhen wie Tiefen, als nur ein Schild gegen ein anderes zu tauschen. Das führt zu Vergessen. Geschichte ist dazu da aus ihr zu lernen. Perspektive durch Retrospektive. 


Viele Grüße, 
Hendrik


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