f Januar 2014 ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Freitag, 31. Januar 2014

Celles wichtige Heimatforscher-/innen

In der Celler Geschichte gab es immer wieder Personen, die sich besonders für die Ereignisse vergangener Epochen begeisterten. In Zeitungsbeiträgen und Veröffentlichungen wird heute regelmäßig auf ihre Forschungen zurückgegriffen - nicht immer werden die einstigen Heimatforscher dabei mit ihren Untersuchungen gleichsam genannt. 

Es wäre vermessen, würde man angeben, alle Geschichten wären von mir selber inspiriert. Gewiss benenne ich zur richtigen Stelle die passende Quelle, doch was bringt das, wenn die Quelle in den meisten Köpfen schon längst vergessen ist? Wer kennt denn noch die wichtigen Heimatforscher und Historiker, die zu ihrer Zeit Größtes leisteten und es überhaupt erst möglich machten, heute über Celler Geschichte zu berichten? 

Die Berichte mögen aus der Feder jetziger Chronisten stammen, die sich wohl selber auch manchmal mit Heimatforschern verwechseln mögen. Verwechseln deshalb, weil ein Heimatforscher mehr ist, als jemand der Quellen auswertet, sich in Archiven auskennt und Geschichten über seine Heimat aufschreibt. Ein Heimatforscher muss mit allen Sinnen recherchieren. Er ist ein Autodidakt, der sich alle Fertigkeiten zur Erschließung neuer Bereiche aneignen kann, stets von seiner Heimatliebe motiviert und immer auf der Jagd nach dem Unbekannten. Schon daraus folgt, dass sich ein Heimatforscher nicht auf das Lesen und Schreiben beschränken kann. Er betritt die Landschaft sehenden Auges, nimmt alle Einzelheiten wahr und ordnet sie vor dem Hintergrund der Geschichte ein. 

In diesem Bereich sollen die bedeutenden Celler Heimatforscher gewürdigt werden. Ohne ihre Leistungen würde es diesen Blog nicht geben. 


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Inhaltsverzeichnis


1.  Clemens Cassel 


2. Johann Heinrich Steffens 






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Dienstag, 28. Januar 2014

Das Klageweib in der Heide (Sage)






Die Sage...


In der Lüneburger Heide lässt sich das Klageweib sehen. In besonders einsamen Gegenden trifft man diese Erscheinung an. In stürmischen Nächten beim Mondschein wankt sie riesengroß, mit todbleichem Gesichte und schwarzen Augenhöhlen alleine über die Heide. 

Ihr Leichengewand flattert im Winde. Sie streckt ihre Arme über das einsame Bauernhaus, ein grauenvolles Wimmern in die Nacht heulend. Unter dem Dache, über welches das Klageweg sich hat gestreckt, muss noch im Laufe des Monats einer der Hausgenossen sterben. 

Einst herrschten in einer Familie Seuchen und Krankheiten unter Menschen und Vieh, selbst der alte Bauer lag schwach und elend im Bette. In einer schlaflosen Nacht hörte er es draußen klagen und heulen. Er raffte sich auf, um nachzusehen, was das bedeute. Da kam er mit dem Licht dem Strohdache zu nahe, und sein Besitztum wurde eingeäschert. Über die Heidehöhen zog das Klageweib von dannen. 

Als der Bauer seinen Hof wieder aufbauen wollte, gab eine kluge Frau ihm den Rat, seinen Lieblingshund zu töten und in eine Wand des Hauses einmauern zu lassen. Den Rat befolgte er, und seitdem getraute sich das Klageweib nicht mehr auf seinen Besitz. 






Hintergründe…


Diese Geschichte scheint so fremd und gruselig, dass man sie nicht glauben möchte. Doch ist es die einzige sage, die vom Klageweg berichtet. Die Sage ist nur mündlich überliefert worden. Es fehlen daher leider Ortsangaben und auch die Zeit ihrer Entstehung ist unbekannt. Möglicherweise handelt es sich um eine schon sehr alte Geschichte. 

Was hat es mit dem Einmauern auf sich? 

Geschichten vom "Einmauern" findet man überall im Norden. Eine bekannte Sage aus der Celler Gegend berichtet sogar von einem eingemauertem Kind in Altencelle (Klick). Die Geschichte ist unmittelbar mit der fürchterlichen Brandkatastrophe verbunden, die fast ganz Altencelle zerstörte. 

Auch auf den Bauernhöfen war das Einmauern eine gängige Tradition. So wurden Hühner, Hähne und auch Hunde unter tragenden Wänden eingemauert. Diese Sitte hielt sich ziemlich lange. man nahm an, dass böse Geister und schlechte Einflüsse von einem Gebäude und seinen Bewohnern fernblieben, wenn etwas Lebendiges in die Mauern gebracht wurde. 

Ich weiß, dass auch auf unserem Hof davon berichtet wurde, dass beim Haus- und Stallbau "etwas Lebendiges" mit eingemauert werden musste. Meine Urgroßmutter erzählte beispielsweise, dass beim Bau unseres Schweinestalls extra jemand kam um etwas Lebendiges einzumauern. Was es war? Keiner weiß es. 

Vielleicht hatte man Angst vor dem Klageweib. Aber diese Erscheinung wurde schon seit langer zeit nicht mehr gesehen...



Viele Grüße, 
Hendrik




Sonntag, 26. Januar 2014

Das Franzosengrab bei Lachendorf / Gockenholz


Bild: Baumgruppe in mitten eines Feldes am Heideeck bei Lachendorf - ein altes Grab?
Quelle: eigenes Bild. 



Das Franzosengrab


Folgt man der Landstraße 282 von Celle über Lachtehausen in Richtung Beedenbostel / Lachendorf, durchquert man zunächst das ausgedehnte Waldstück "die Sprache". Hinter dem Wald gelangt man zum Kreisel von Gockenholz, am so genannten Heideeck. Den Namen trägt diese alte Kreuzung übrigens von den einstigen Heideflächen, die nach dem Verkopplungsprozeß im 19. Jahrhundert in Ackerland umgewandelt wurden. 

Noch vor dem Bahnübergang der Osthannoverschen Eisenbahn, etwa 300m vor dem Kreisel, liegt zur Linken eine auffällige kleine Baumgruppe inmitten eines Feldes. Ortskundige kennen diesen Ort: er trägt im Volksmund die Bezeichnung "Franzosengrab". 

Was hat es mit dem Franzosengrab auf sich? Aus welcher Epoche mag es stammen und woher bekam es seinen Namen? 


Bild: Franzosengrab (rot eingekreist) am Heideeck bei Lachendorf. 
Quelle: Google Earth. 


Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem Grab um ein Relikt des Siebenjährigen Krieges handeln könnte, zumal im Dezember 1757 bei Celle die französischen und preußischen Truppen aufeinander trafen. Zur Schlacht war es damals nicht gekommen, da sich keine der beiden Parteien über die Aller wagte. Erst nachdem Celle mehrere Tage belagert worden war und die Franzosen immer neue Truppen herangeführt hatten, kam es am 25.12.1757 zum entscheidenden Übergang der Franzosen über die Aller. Die Truppen überschritten den Fluss an mehreren, strategisch wichtigen Punkten und wollten die preußischen Truppen im Nordosten der Stadt einkesseln. Diese hatten sich jedoch bereits zurückgezogen, da es zuvor Versorgungsengpässe gegeben hatte. Die Franzosen hatten mit diesem Schritt anscheinend nicht gerechnet und mussten die Verfolgung schließlich abbrechen, zumal der Winter im Jahr 1757 äußerst streng gewesen sein soll. 

(Weitere Informationen zum Siebenjährigen Krieg bei Celle finden sich im entsprechenden Beitrag: hier. Dabei: Lageentwicklungen, Lagekarten etc.)

Aber stammt das Grab überhaupt aus dieser Zeit? 



Bild: Römerweg in Richtung Lachendorf. 
Quelle: eigenes Bild. 


Bild: Eiche auf dem Franzosengrab. 
Quelle: eigenes Bild. 


Bild: Franzosengrab. 
Quelle: eigenes Bild. 




Karten


Anhand von Karten lässt sich das Franzosengrab bis in das Jahr 1780 zurückverfolgen. Es wurde konsequent auf den Folgekarten verzeichnet. Das ist ein Anzeichen dafür, dass dieser Ort tatsächlich mindestens seit 1780 so erhalten ist, wie heute. Ansonsten hätte ein Bauer ja auch einfach die Stelle umpflügen können. Die Karten belegen, dass dies nicht geschehen ist. 


Bild: Franzosengrab in der Kurhannoverschen Landesaufnahme. 
Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme von 1780. 


Bild: Franzosengrab im Papen-Atlas. 
Quelle: Papen-Atlas 1832. 



Bild: Franzosengrab im preußischen Messtischblatt. 
Quelle: Preußisches Messtischblatt 1901. 



Bild: Franzosengrab in alliierter Kriegskarte. 
Quelle: Karte War Office 1945. 


Offensichtlich stand bereits 1780 ein Baum auf dem Franzosengrab. Dieser ist auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme ganz klein eingezeichnet. Obgleich die Karte in vielen Bereichen längst nicht so genau ist, wie heutige Karten, waren solche herausstechenden Geländemarken immer schon wichtig in der frühen Kartografie. Es ist also davon auszugehen, dass die Karte an dieser Stelle die Wahrheit sagt. 



Hintergründe

Bereits eingangs wurde die These aufgeworfen das Franzosengrab könnte aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges stammen. Georg Breling beschreibt die Situation des Abzuges der Preußen in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1757 in seinem Beitrag zum Siebenjährigen Krieg im Heimatbuch "der Speicher". 

Demnach war beim eiligen Abzug der Offizier v. Wettern vergessen worden. Er stand mit einer 40 Mann starken Truppe auf der linken Flanke (links aus der Sicht der Preußen). Von Wettern stand also östlich von Celle. Sicherlich sollte die Einheit die Flanke schützen, zumal die Preußen damit rechnen mussten, das die Franzosen im Süden irgendwann die strategischen Allerübergänge nutzen würden. 

Breling schreibt weiterhin, dass es von Wettern durch seine entschlossene Haltung gelang den Franzosen zu entgehen. Das Franzosengrab könnte also mit diesem Ereignis in Verbindung stehen, da die Franzosen bei Wienhausen und Schwachhausen die Aller überschritten und in Richtung Norden vorstießen. Irgendwo in der linken Flanke trafen sie auf von Wetterns Einheit, die nicht mit einem Angriff rechnete, da sie keinerlei Verbindung zu den sich bereits im Rückzug befindlichen Preußen haben konnte. 




Bild: Preußische Einheit bei Lachendorf - waren es von Wetternd 40 Mann?
Quelle: Karte der Stellungen der Franzosen am 24. Dezember 1757.


Es wird angenommen, dass im Franzosengrab am Heideeck französische Offiziere und Mannschaften ruhen sollen. Archäologische Untersuchungen hierzu sind noch nicht erfolgt. 



Viele Grüße, 

Hendrik







Mittwoch, 22. Januar 2014

Die Fosen - ein germanischer Volksstamm, der vor rund 2000 Jahren im heutigen Landkreis Celle siedelte?


Auswertung und kritische Analyse von Quellen, Berichten und Nachweisen



Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis.............................................................................................I

Einleitung und Problemstellung.....................................................................  2

1. Die Fosen in der Literatur........................................................................... 3

2. Kritische Analyse der Quellen.....................................................................6

3. Fazit.............................................................................................................8

Literaturverzeichnis........................................................................................11




 Einleitung und Problemstellung

Betrachtet man den Zeitverlauf rückwärts, fällt einem sehr bald auf, dass unsere Kenntnisse und das Wissen um die Lebensumstände unserer Vorfahren immer stärker von Spekulation geprägt werden, je weiter man zurückschaut. Während es in den vergangenen Jahrhunderten noch, mittels schriftlicher Quellenvielfalt recht einfach ist, die Geschichte zu rekonstruieren, scheitern selbst Experten, wenn es darum geht, den Alltag jener Zeiten nachzuvollziehen, aus denen wir keine Überlieferungen besitzen. Dieser Umstand passt jedoch nicht in unsere heutige Vorstellung, denn es fällt schwer hinzunehmen, dass sich die einstigen Ereignisse vor der eigenen Haustür in manchen Bereichen nur schwer erklären lassen.

Ein, in der heimatgeschichtlichen Forschung bisher kritisch gewürdigtes Thema ist die genaue Lokalisierung der germanischen Stämme, da diese, wie allgemein bekannt, keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterließen. Zumal es nicht „die Germanen“ als Volk gab, sondern unter dem Begriff der Germanen alle, in einem bestimmten geografischen Bereich lebenden Volksstämme betitelt wurden, lassen sich nur schwer die politischen Beziehungen der einzelnen Stämme untereinander ausmachen. Im Folgenden soll dieser Umstand am Beispiel der „Fosen“ verdeutlicht werden. Die Fosen sollen, einer Annahme zufolge, im Raum des heutigen Landkreises Celle, am Fluss Fuhse gelebt haben. Zahlreiche Quellen geben an, die Fosen trügen sogar ihren Namen von dem genannten Flusslauf, welcher bei Celle in die Aller mündet. Allerdings ist fraglich inwiefern derartige Vermutungen belegbar sind, zumal die zeitgenössische Quellenlage mehr als dürftig ist.[1]

Zunächst soll ein Überblick der vorliegenden Quellen erfolgen. In der sich anschließenden Analyse werden die dargestellten Nachweise kritisch hinterfragt und untersucht. Die Ergebnisse werden anschließend zu einem Fazit verdichtet.




[1] Tacitus, Germania Kap. 36.


1. Die Fosen in der Literatur

Wie bereits eingangs erwähnt liegen kaum Berichte aus der Zeit vor, in der die Fosen gelebt haben sollen. Die einzige namentliche Erwähnung findet der Stamm bei Publius Gajus Cornelius Tacitus, dem römischen Senator und wohl bedeutendsten Historiker des römischen Reiches.[1] Tacitus nennt die Fosen in einem Zug mit den Cheruskern, welche ihre angrenzenden Nachbarn gewesen sein sollen. Wie die Cherusker, waren auch die Fosen, den Berichten des Tacitus zufolge „im Glück die Schwächeren“, da sie von dem benachbarten Volksstamm der Chatten überfalllen wurden.[2] Allerdings beschreibt Tacitus keine regionalen Territorien oder Grenzen des Stammes. In seinem Werk fällt der Name „Fosen“ nur ein einziges Mal.

In seinem Buch „Germanien und seine Bewohner“ greift August Benedict Wilhelm die Beschreibung des Tacitus im Jahr 1823 erneut auf.[3] Wilhelm benennt das Volk der Fosen als „unterwürfig und wahrscheinlich nicht sehr betrachtlich (...)“.[4] Anders als Tacitus, bzw. dessen jeweilige Übersetzungen[5], wagt Wilhelm eine geografische / regionale Lokalisierung des Volksstammes.[6] Er ist sich sicher, dass die Fosen einst im Bereich der Fuhse, in der alten „Präfectur Meinersen“ gelebt haben müssen.[7] Christian Karl Barth warf dagegen in seiner „Urgeschichte Teutschlands“ im Jahr 1840 die These auf, die Namen von Flüssen und Gegenden hätte sich erst nach der Besiedlung herausgebildet.[8] Barth geht dabei davon aus, dass die jeweiligen Ortsbezeichnungen erst von den Menschen geschaffen wurden, die in der jeweiligen Umgebung siedelten. Für Wilhelm gibt es aber keinen Zweifel – seiner Auffassung zufolge weisen die Ortsbezeichnungen durchaus auf den entsprechenden Volksstamm hin.[9] Seiner Meinung nach haben sich die Fosen von ihrem „Urstamm“ abgespalten und zogen in eine Gegend, die ihre Bezeichnung schon vorher von eben diesem Urstamm erhalten hatte.
August von Wersebe griff in seinem, im Jahr 1826 erschienenen Werk „die Völker und Völker-Bündnisse des alten Teutschlands“ die These auf, dass die Fosen mit dem Flusslauf der Fuhse im Gau Flotwida (Flotwedel) in Verbindung zu bringen seien.[10] Damit folgte er zweifelsohne der These von August Benedict Wilhelm, der die Fosen bereits drei Jahre zuvor ebenfalls im Landkreis Celle angesiedelt hatte.[11] Dies wiederum verleitete Dr. Ferdinand Heinrich Müller in seinem Werk „die deutschen Stämme und ihre Fürsten“ dazu anzunehmen, dass die Fosen in der einstigen Diözese Hildesheim und dem ihr zugehörigen Gau Flotwide (Flotwedel) zu verorten seien.[12]

Es finden sich jedoch auch aktuellere Quellen zu den Fosen. So berichtete etwa die Zeitschrift Der Spiegel am 8.6.1950 über die Fosen als „nachweisbare Nachbarn“ der Cherusker.[13] Dem Artikel zufolge lebte der Volksstamm bei Peine, im Gebiet um von Celle, Braunschweig, Hildesheim und Hannover.



Bild: Das grau schraffierte Gebiet zeigt den Bereich an, in dem die Fosen einst gelebt haben sollen.        
Quelle: Der Spiegel vom 8.6.1950




[1] Tacitus, Germania Kap. 36.
[2] Vgl. Bötticher, des Gajus Cornelius Tacitus sämtliche Werke übersetzt, S. 199. Sowie Holl,G. Cornelius Tacitus von der Lage, den Sitten und Völkern Deutschlands, S. 108.
[3] Wilhelm, Germanien und seine Bewohner, S. 200.
[4] Ebd.
[5] Vgl. Bötticher, des Gajus Cornelius Tacitus sämtliche Werke übersetzt, S. 199. Sowie Holl,G. Cornelius Tacitus von der Lage, den Sitten und Völkern Deutschlands, S. 108.
[6] Wilhelm, Germanien und seine Bewohner, S. 200.
[7] Ebd.
[8] Barth, Teutschlands Urgeschichte, S. 162 ff.
[9] Wilhelm, Germanien und seine Bewohner, S. 200.
[10] Wersebe, Die Völker und Völker-Bündnisse des alten Teutschlands, S. 113 ff.
[11] Wilhelm, Germanien und seine Bewohner, S. 200.
[12] Müller, Die deutschen Stämme und ihre Fürsten, S. 164.
[13] Der Spiegel, Hermannsdenkmal – durchs Nasenloch gestürzt, 8.6.1950.



Neuere Quellen sind bei der Lokalisierung des Siedlungsterritoriums der Fosen differenzierterer Meinung. Wilhelm Niemeyer legt in seiner Arbeit „die Stammsitze der Chatten nach Bodenfunden und antiker Überlieferung“ das Territorium der Fosen in den Bereich des Unterlaufes der Diemel, an der Mündung in die Weser.[1] Diese Stelle befindet sich allerdings weit ab des alten Gau Flotwide und des heutigen Landkreises Celle.


Bild: Volksstämme Norddeutschland nach Christus. Quelle: DTV – Atlas zur Weltschichte. 




[1] Niemeyer, Die Stammsitze der Chatten nach Bodenfunden und antiker Überlieferung, S.14.


Die jüngsten Quellen zeigen sich überaus vorsichtig bei der genauen Lokalisierung des Volksstammes. So hatte sich u.a. Rudolf Much in seinem Werk „Zur Geschichte der Westgermanen“ sehr skeptisch dazu geäußert, dass der Flussname „Fuhse“ und der Volksstamm Foser von gleicher Herkunft seien.[1] Auch im Reallexikon der germanischen Altertumskunde finden sich keinerlei Hinweise auf eine Verbindung des Flusses und der Foser.[2] Eher stünde der Flussname für „die schnelle“, so das Reallexikon. In seinem Werk „Im Schatten des Klosters Wienhausen“ erwähnt der Autor Matthias Blazek ebenfalls den Volksstamm der Fosen und gibt an, ihr Stammesgebiet habe sich zwischen Aller und Fuhse befunden.[3] Leider gibt Blazek keinerlei Quellen an, die in der Lage wären, die von ihm aufgestellte These zu begründen. Michael Zelle, der seit 2011 das lippische Landesmuseum in Detmold leitet schrieb, dass die anhand von Quellen überlieferten Stammesnamen, wie Angrivarier, Cherusker und Fosen, bis auf weiteres reine literarische Konstrukte blieben.[4] Ein empirischer Nachweis, etwa durch entsprechende Bodenfunde steht bisher aus, so Zelle.




[1] Much, Zur Geschichte der Westgermanen, S. 414.
[2] Hoops, Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 9, S. 355.
[3] Blazek, Im Schatten des Klosters Wienhausen, S. 15.
[4] Zelle, Vorwort, S. 1



2. Kritische Analyse der Quellen


Aus der Überlieferung des Tacitus ist es nicht möglich geografisch begrenzte Territorien der germanischen Stämme abzuleiten.[1] Umso verwunderlicher scheint es jedoch, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Versuche unternommen wurden aus den Tacitus-Beschreibungen die geografischen Stammesgebiete herzuleiten. Beachtet man die Zitierfolge, stellt man fest, dass in einigen Quellen einfach Aussagen anderer Quellen übernommen wurden, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Das bedeutet es wurde an etlichen Stellen nicht korrekt zitiert. Ein richtiges Zitat bezieht sich auf die entsprechende Ursprungsquelle. Dieser Grundsatz wurde Anfang des 19. Jahrhunderts offensichtlich nicht eingehalten.

So konnte die frei interpretierte Theorie, die Fosen hätten im Bereich des Flusses Fuhse im heutigen Landkreis Celle gesiedelt, im Schrifttum Fuß fassen. Bei der Begutachtung der Literatur lässt sich auch feststellen, dass immer neue Sichtweisen in die Niederschrift des Tacitus hineininterpretiert wurden. Während Tacitus keinerlei geografische Hinweise für das Siedlungsgebiet der Fosen überlieferte, finden sich in den Interpretationen seines Werkes immer detaillierte Lokalisierungen des einstigen Lebensraumes der Fosen. So will bereits August Benedict Wilhelm im Jahr 1823 das Siedlungsgebiet der Fosen im Bereich des späteren Amtes Meinersen verorten. Dabei hatte Tacitus einst nur angegeben, dass die Cherusker und die Foser Nachbarstämme gewesen waren. Lediglich aus der Tatsache, dass er die Chatten wohl im Bereich des Harzes verortete, führte dazu, dass die Fosen später im Bereich des heutigen Flotwedel im Landkreis Celle „angesiedelt“ wurden. Dabei zieht sich die Ungenauigkeit in der Quellenforschung augenscheinlich durch die Geschichte hinweg. Bis ins 21. Jahrhundert wurden somit völlig unbeweisbare Tatbestände in die Literatur übernommen.[2]

Archäologische Befunde, die Aufschluss über das einstige Siedlungsgebiet der Fosen geben könnten, gibt es bis heute keine.[3] Noch gravierender wiegt die Tatsache, dass es nicht einmal möglich ist, die einzelnen Stammesgebiete anhand von Bodenfunden voneinander sauber zu trennen. Daher ist es nicht möglich eine Region eindeutig einem Stamm zuzuschreiben. Es scheint, dass die Fosen lediglich durch literarische Quellen belegt werden können, die einst von den römischen Geschichtsschreibern erfasst wurden. Wie glaubwürdig die Quellen einer fremden Kultur gewesen sein mögen, welche die betreffenden Gebiete lediglich in einzelnen Feldzügen erkundete, mag dahingestellt bleiben. Das einstige Siedlungsgebiet der Fosen wird weder in der kurzen Erwähnung des Tacitus explizit geografisch beschrieben, noch lässt es sich anhand der nachbarschaftlichen Beschreibungen desselben herleiten. Bereits die neuern Quellen weisen darauf hin, dass der Flussname Fuhse und der Volksstamm Foser nicht namentlich verwandt sind. Nach Barth entstanden die Namen von Orten und Flüssen immer erst durch die Menschen benannt, die in ihrer Umgebung siedelten.[4]

Im Schrifttum ist die Annahme unstrittig, dass bereits in den ersten Jahrhunderten nach Christus eine alte Grenze durch den Landkreis Celle verlief.[5] Offensichtlich wurde diese Grenze auch in neuzeitlichen Karten übernommen, da es sich um die Trennungslinie zwischen dem späteren Gau Flotwide (Flotwedel) und dem Loingau handelte. Der Loingau im Westen war demnach das Territorium der Ostfalen.[6] Der Gau Flotwide wurde zum Gebiet der Engern bzw. der einstigen Agrivarier gerechnet.[7] Aus dieser grundsätzlichen Grenzziehung entwickelten sich später die mittelalterlichen Gaue. Es ist gut möglich, dass es sich bei den genannten Grenzen um solche handelte, die bereits zur Zeit der Überlieferungen des Tacitus (ca. 70 n. Chr.) existierten.

Innerhalb des Landkreises Celle existieren durchaus Orte von denen angenommen wird, dass sie einst Versammlungs-, Gerichts-, oder Opferplätze aus germanischer Zeit gewesen sein können.[8] Allerdings mangelt es an archäologisch nachweisbaren Funden, die diese Thesen stützen oder widerlegen könnten. Mit Sicherheit gehörte der Landkreis Celle einst zu einem Territorium eines oder mehrerer Stämme, doch lässt sich nicht mit Gewissheit sagen welcher der vielen Stämme für das Gebiet Anspruch erhob. Auch beim Vorliegen entsprechender Funde wäre eine Angrenzung zu anderen Stämmen außerordentlich schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Somit ist zwar gut denkbar, dass die Fosen einst einen kleineren germanischen Stamm bildeten, der im heutigen südlichen Niedersachsen beheimatet war. Gegen ein Territorium der Fosen im Raum Celle spricht jedoch die Abwesenheit entsprechender Funde.




[1] Tacitus, Germania Kap. 36.
[2] Blazek, Im Schatten des Klosters Wienhausen, S. 15.
[3] Zelle, Vorwort, S. 1
[4] Barth, Teutschlands Urgeschichte, S. 162 ff.
[5] Vgl. Cassel, Geschichte der Stadt Celle, S. 15 ff.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Vgl. Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch; Cassel, Geschichte der Stadt Celle; Lüdecke, Aus der Urgeschichte des Landkreises Celle, in „der Speicher“; Kruse, Entstehung der Ämter und Amtsvogteien im Kreise Celle, in „der Speicher“.



3. Fazit

Wer war zuerst da – die Henne, oder das Ei? Sicherlich ist es logisch, dass geografische Objekte, wie Flüsse, ihre Namen erst von den Menschen bekamen, die dauerhaft in ihrer Nähe siedelten. Das Argument jene Menschen hätten sich von einem früher bereits in der jeweiligen Gegend ansässigen Volksstamm abgespalten, kann nur begrenzt zugelassen werden, da es jeder wissenschaftlicher Begründung entbehrt.

Die Untersuchung des einstigen Siedlungsgebietes der Fosen wird dadurch erschwert, dass viele Historiker zu sehr in die Überlieferungen des Tacitus hineininterpretierten. Hinzu kommt, dass einige Ansichten und Interpretationen nachfolgender Historiker ohne eine wissenschaftliche Quellenkritik übernommen wurden. Dies führte unter anderem dazu, dass sich die Meinung festigte, der Flussname „Fuhse“ und der Volksstamm der Fosen besäßen denselben Ursprung. Dahingehend wurde selbst in aktuellen Werken angegeben das einstige Siedlungsgebiet des Volksstammes habe im Bereich des heutigen Landkreises Celle gelegen.[1] Zwar mag der Flussname der Fuhse viele Historiker in ihrer Annahme bestärkt haben, dass dort einst die Fosen gelebt haben mögen. Dies lässt sich bisher jedoch weder durch schriftliche Quellen, noch durch Bodenfunde belegen.[2] Keinerlei empirische Untersuchung ist bisher in der Lage das Siedlungsgebiet der Fosen zu lokalisieren. Im Landkreis Celle fehlt bislang der Nachweis von germanischen Siedlungen, die explizit auf die Fosen hindeuten würden.

Trotzdem ist es sehr wahrscheinlich, dass die fruchtbaren Sedimentablagerungen im Allerurstromtal eine frühe Besiedlung begünstigt haben werden. Die alten Gau-Bezeichnungen und Jahrhunderte überdauernden Grenzen, welche letztlich bis in die späte Neuzeit die alten Ämtergrenzen darstellten, sind ein Indiz dafür, dass der Raum Celle schon sehr früh territorial aufgeteilt war.
Experten, wie etwa Michael Zelle, Leiter des lippischen Landesmuseums in Detmold, oder Dr. Heidrun Derks, Leiterin des Museums der Varusschlacht in Kalkriese, stehen der These die Fosen hätten im Landkreis Celle gesiedelt, eher skeptisch gegenüber.[3] Für eine genaue Lokalisierung wären eindeutige Bodenfunde erforderlich. Zudem ist die schriftliche Quellenlage mehr als dürftig. Aufgrund der Veränderungen im Landschaftsbild, in der Kultur und Sprache ist es heute nicht ohne weiteres möglich aus einem Fluss-, oder Ortsnamen auf einen alten Volksstamm zu schließen.

Die Annahme, der Flussname der Fuhse und das Siedlungsgebiet des Volksstammes der Fosen hätten denselben Ursprung kann daher, vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Forschung, bislang nur verneint werden.




[1] Blazek, Im Schatten des Klosters Wienhausen, S. 15.
[2] Ende 2013 wurde die Interessengemeinschaft der Sondengänger Allertal gegründet. Diese beschäftigt sich intensiv mit Feldbegehungen mit Metalldetektoren und meldet ihre Funde an die Denkmalbehörde bzw. an den Landesarchäologen.
[3] Zelle, Vorwort, S. 1; Anm.: Dr. Derks teilte dies auf Anfrage mit.




Literaturverzeichnis


Alpers, Paul; Barenscheer, Friedrich, Celler Flurnamenbuch Celle 1852.

Barth, Christian Karl, Teutschlands Urgeschichte, 1840.

Blazek, Matthias, Im Schatten des Klosters Wienhausen, Dörfliche Entstehung und Entwicklung im Flotwedel ausgeführt und erläutert am Beispiel der Ortschaften Bockelskamp und Flackenhorst, Stuttgart 2010.

Bötticher, Prof. Dr. Wilhelm, des Gajus Cornelius Tacitus sämtliche Werke übersetzt, Berlin 1834.

Cassel, Clemens, Geschichte der Stadt Celle mit besonderer Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens seiner Bewohner, Bd. 1, Celle 1930.

Holl, Philipp Joseph, G. Cornelius Tacitus von der Lage, den Sitten und Völkern Deutschlands, Bamberg 1777.

Hoops, Johannes, Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 9, 1994/1995 Berlin.

Kruse, Wilhelm, Die Entstehung der Ämter und Amtsvogteien im Kreise Celle. Der Speicher, Heimatbuch für den Landkreis Celle, Celle 1930.

Lüdecke, August, Aus der Urgeschichte des Kreises Celle. Der Speicher, Heimatbuch für den Landkreis Celle, Celle 1930.

Much, Rudolf, Zur Geschichte der Westgermanen, 1894.

Müller, Dr. Ferdinand Heinrich, Die deutschen Stämme und ihre Fürsten, Berlin 1840.

Niemeyer, Wilhelm, Die Stammsitze der Chatten, Kassel 1955.

Wersebe, August von, Die Völker und Völker-Bündnisse, Hannover 1826.

Wilhelm, August Benedict, Germanien und seine Bewohner, Weimar 1823.
Tacitus, Publius Gajus Cornelius, Germania Kap. 36, um 70 n. Chr.

Zelle, Michael, Vorwort, S.1, http://zabern.de/media/2/3632_1.pdf (abgerufen am 22.01.2014 um 00:51 Uhr).