f Historischer Okerverlauf im Flotwedel ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Donnerstag, 7. September 2017

Historischer Okerverlauf im Flotwedel



Im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen erkennt man noch heute ein altes Flussbett. Der Flurname „Laake“[1] lässt nicht unmittelbar darauf schließen, dass es sich bei diesem Flusslauf um die alte Oker[2] handelt, die sich einst zwischen Wienhausen und Bockelskamp mit der Aller vereinigte. Bekanntermaßen mündet die Oker heute bei Müden in die Aller.

Schon vor 1650 muss dieser künstliche Flussabschnitt zwischen Meinersen und Müden hergestellt worden sein.[3] Karten, der im Jahr 1519 ausgebrochenen Hildesheimer Stiftsfehde belegen den von Menschenhand geschaffenen Flussverlauf nördlich von Meinersen.[4] Nach der Verlegung des fließenden Stroms verlandete die alte Oker mit dem Lauf der Jahre. Historische Karten belegen den als Altarm erkennbaren Fluss noch bis ins Jahr 1771.[5] Vor dem Hintergrund des Handelsverkehrs, der zwischen den Hansestädten Braunschweig und Bremen stattfand, könnte die Oker eine wichtige Rolle eingenommen haben.[6] Im Schrifttum ist jedoch umstritten, wie bedeutend die Schifffahrt tatsächlich war.[7]

Nicht nur in Bezug auf den Handel war die alte Oker (möglicherweise) relevant.[8] Auch hinsichtlich bedeutsamer Ortsbeschreibungen[9] war der Fluss maßgeblich – insbesondere für die Frage nach dem Standort der frühmittelalterlichen Mundburg.[10] Insgesamt erscheint sogar ein Zusammenhang zwischen der Entstehung der heutigen Stadt Celle und dem Niedergang der Schifffahrt auf der Oker bzw. Aller naheliegend.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Bereits Steffens bringt die Entstehung Celles in Zusammenhang mit der Schifffahrt auf der Aller.[11] Seine Überlegungen stützen bis heute die Vermutung, dass die Stadt Celle ihren Ursprung in einem mittelalterlichen Hafen hat.[12] Die Hintergründe wurden intensiv untersucht.[13] Zuletzt wurden im Jahr 2014 im Bereich Altencelles archäologische Untersuchungen vorgenommen, die im Ergebnis historische Hafenanlagen nachweisen konnten.[14]

Die Oker-Schifffahrt ist quellenmäßig schlaglichtartig überliefert.[15] Dabei stellt Meibeyer zutreffend fest, dass ein Ausbau der unteren Oker erst im späten Mittelalter erfolgt sein kann.[16] Es finden sich ab dem Jahr 1367 quellenmäßige Nachweise zur Nutzung der Oker für die Schifffahrt.[17] Die wenigen schriftlichen Belege der Oker-Schifffahrt geben jedoch nur unzureichend Rückschluss auf den geografischen Flussverlauf. Insofern kann zumindest angenommen werden, dass die Oker bis 1371 derart verlandet war, dass der Celler Herzog Magnus sich dafür einsetzte, das Okerbett ausräumen zu lassen, damit der Fluss wieder mit Schiffen in Richtung Celle befahrbar wurde.[18]

Meibeyer verneint allerdings, dass der Fluss schon im Hochmittelalter als wichtige Wasserstraße ausgebaut wurde.[19] Dieser Umstand kann hier aber vernachlässigt werden, da sich die wirtschaftspolitische Relevanz der Flussverbindung erst im Rahmen der hansischen Rivalitäten zwischen Magdeburg und Lüneburg gegen Braunschweig um 1439 deutlich zeigte.[20] Spätestens zum Anfang des 15. Jahrhunderts wurde der Oker zwischen Meinersen und Müden ihr heutiger Lauf gegeben.[21] Der ursprüngliche Verlauf der Oker blieb somit bis ins späte Mittelalter erhalten.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Interessanter für Celle und die Orte im Flotwedel ist jedoch die Frage, welchem Verlauf die Oker vorher gefolgt ist. Unter anderem ist die Standortbeschreibung der Mundburg („am Zusammenfluss von Aller und Oker“) der Biografie des Hildesheimer Bischofs Bernward zu entnehmen und war bereits Gegenstand eines vorangegangenen Beitrags.[22] Insofern sprechen die Quellen dafür, dass die besagte Mundburg nicht bei Müden, sondern bei Wienhausen zu suchen ist.[23]

Wie bereits Cassel zutreffend herausstellte, war für die Entwicklung der Stadt Celle die Anbindung an die Aller / Oker maßgeblich.[24] Ausgehend von ihrer ersten Gründung in Altencelle[25] verlagerte sich die Stadt Celle weiter flussabwärts.[26] Hierbei spielten wirtschaftspolitische Interessen in Verbindung mit wichtigen Handelswegen eine maßgebliche Rolle, wie schon Kittel erläuterte.[27] Der Prozess der Verlagerung wird somit dynamisch erfolgt sein.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Celle war ein wichtiger Umschlagplatz für den Warenverkehr und erlebte im Schatten der Hansestädte Bremen, Braunschweig, Lüneburg und Hamburg sowie Magdeburg einen rasanten Aufstieg. Diese Entwicklung fällt unmittelbar in die Übergangsphase von der Kaufmannshanse hin zur Städtehanse. Dies stützt sich unter anderem auf die Bedeutung der bei Celle erhobenen Zölle, die bereits 1225 Erwähnung[28] finden – also noch bevor Herzog Otto den Celler Bürgern das Lüneburger Stadtrecht verlieh.[29]

Die „Verlagerung“ der Stadt Celle war weniger geplant, als durch politische und wirtschaftliche Interessen beeinflusst, wie schon Cassel[30] und Kittel[31] festhielten. Der Standort der heutigen Stadt Celle bot seinerzeit günstigere Bedingungen für den Warenverkehr – hier konnte das Umladen von Gütern aufgrund von Stromschnellen vermieden werden.[32] Weiterhin passierte im Bereich des „neuen“ Celles eine wichtige Fernhandelsstraße die Aller.[33]

Die Stadt Braunschweig erlangte zur Mitte des 13. Jahrhunderts hansische Privilegien und wurde später in den Reigen der Hansestädte aufgenommen.[34] Als es dazu kam, hatten sich die wirtschaftspolitischen Gegebenheiten allerdings bereits weiterentwickelt und in der neuen Stadt Celle („Nitzellis“)[35] wurde verstärkt auf den Handel über Land gesetzt.[36] Insofern existierten für das „neue“ Celle durchaus triftige Interessen den Schiffshandel über die Oker zu behindern – schließlich verkörperten die Landverbindung und Flussquerung weiter flussabwärts und die damit verbundenen Zolleinnahmen wichtige Grundlagen der neuen Stadt.[37] Braunschweig gelang der Aufstieg zur Hansestadt - auch ohne auf den Schiffshandel über die Oker angewiesen zu sein, wie bereits Meibeyer herausstellte.[38]

Bild: Alter Okerverlauf nördlich von Sandlingen. Quelle: Preußisches Messtischblatt 1899; Google Earth. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die aufstrebende Stadt Celle an ihrem heutigen Standort von der rückläufigen Nutzung der alten Oker profitieren konnte. Die Handelswaren konnten im Bereich des einstigen „Kreuzenwerders“[39] leicht abgewickelt und verzollt werden. Von hier gelangten sie nach Lüneburg, Hamburg und Bremen – regelmäßig ohne, dass mehrfaches Verladen erforderlich war. Der Aufstieg des „neuen“ Celles bis 1292 belegt die gestiegene Bedeutung der Handelsstraßen. Vor dem Hintergrund, dass es bis 1371 praktisch keine schriftlichen Nachweise einer umfangreichen Schifffahrt auf der Oker gab, passen also plausibel ins Bild.[40] Bis ins hohe Mittelalter ist die Oker daher offensichtlich ihrem natürlichen Bett im Flotwedel gefolgt.

Quelle: Altes Flussbett im Wald zwischen Sandlingen und Wienhausen. Quelle: H. Altmann. 

Im Ergebnis gehören die Ausläufer der alten Oker im Wald zwischen Wienhausen und Sandlingen somit zu den letzten Zeugnissen einer regionalhistorisch bedeutsamen Zeit – auch, wenn die Schifffahrt auf der Oker nur indirekt zum Aufstieg der neuen Stadt Celle an ihrem heutigen Standort beitrug.

Hendrik Altmann





[1] Alpers/Barenscheer, Celler Flurnamenbuch, Celle 1952, S. 83.
[2] Seiler, Die Aller – ein Fluss verändert seinen Lauf, Celle 2002, S. 45. 
[3] Merian, Ducatus Luneburgensis, 1650-1655; Mellinger, Ducatus Luneburgensis, um 1645.
[4] Krabbe, Chorographia der Hildesheimer Stiftsfehde, 1591.
[5] Karte der „Environs von der Stadt Celle“ 1771, Staatsarchiv Hannover, 31c-1pm.
[6] Hill, Die Stadt und ihr Markt, Bremens Umlands- und Außenbeziehungen im Mittelalter (12. – 15. Jahrhundert), Stuttgart, S. 160 ff.
[7] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[8] Altmann, Die Mundburg – Analyse und Auswertung von Einflussfaktoren auf den möglichen Standort, https://found-places.blogspot.de/2014/03/die-mundburg-analyse-und-auswertung-von.html, abgerufen: 03.04.2017, 21:36 Uhr.
[9] Thangmar, Thangmari Vita S. Bernwardi episcopi Hildesheimensis, in: Lebensbeschreibungen einiger Bischöfe des 10. – 12. Jahrhunderts, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte Bd. 22, Darmstadt 1973, S. 272-361.
[10] Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg bei Wienhausen?, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Stuttgart 2002, Bd. 71, S. 47-51.
[11] Steffens, Historische und diplomatische Abhandlungen in Briefen, Celle 1763, S. 14 ff.
[12] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 20 f.
[13] U.a. in: Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31 ff.; Pröve/Ricklefs, Heimatchronik der Stadt und des Landkreises Celle, Köln 1956, S. 27.
[14] CZ vom 18.07.2014, Archäologen entdecken Hinweise auf Altenceller Hafen; Altmann, Wurde de Altenceller Hafen gefunden?, https://found-places.blogspot.de/2014/07/wurde-der-altenceller-hafen-gefunden.html, abgerufen: 03.04.2017, 22:02 Uhr.
[15] Hansisches Urkundenbuch, Halle 1896, Bd. 4, S. 84; Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 6, Urkunde 610, Magdeburger Urkundenbuch, Halle 1894, Bd. 2, Urkunde 395.
[16] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210. 
[17] Hansisches Urkundenbuch, Halle 1896, Bd. 4, S. 84.
[18] Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 6, Urkunde 610.
[19] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210. 
[20] Magdeburger Urkundenbuch, Halle 1894, Bd. 2, Urkunde 395.
[21] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[22] Thangmari vita Bernwardi ep. c. 7, ap. Pertz IV 761; Altmann, Ein Ort mit Geschichte: Betrachtungen zum Ursprung Wienhausens, CZ v. 15.10.2017.
[23] Meibeyer, Lag Bischof Bernwards Mundburg bei Wienhausen?, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte, Stuttgart 2002, Bd. 71, S. 47-51.
[24] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31.
[25] Busch, Die Burg in Altencelle – Ihre Ausgrabung und das historische Umfeld, Celle 1990, S. 27f.; Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 13f.
[26] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 20 f.
[27] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 37f.
[28] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 29; Bremisches Urkundenbuch Abt. 12.
[29] Brosius, Urkundenbuch der Stadt Celle, Hannover 1996, S. 1.
[30] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 31.
[31] Kittel, Das alte Celle – die Mutter der heutigen Stadt Celle, Celle 1929, S. 37f.
[32] Steffens, Historische und diplomatische Abhandlungen in Briefen, Celle 1763, S. 16.
[33] Engelke, Die Grenzen und Gaue der älteren Diozöse Verden, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 21, Hildesheim 1949, S. 72.
[34] Urkundenbuch der Stadt Braunschweig, Bd. 5, Urkunde 350.
[35] Sudendorf, Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande, Bd. 1, Hannover 1859, Urkunde 187.
[36] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 30.
[37] Cassel, Celler Land im Munde der Vorzeit, CZ v. 12.06.1925.
[38] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
[39] Cassel, Geschichte der Stadt Celle, Celle 1930, Bd. 1, S. 30.
[40] Meibeyer, Gab es wirklich eine „bedeutende“ Fracht-Schifffahrt auf der unteren Oker im hohen Mittelalter, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Bd. 83, Braunschweig 2002, S. 205-210.
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