f Der ehemalige herrschaftliche Sitz in Schwachhausen ~ Heimatforschung im Landkreis Celle

Mittwoch, 30. September 2015

Der ehemalige herrschaftliche Sitz in Schwachhausen



In Schwachhausen bei Wienhausen stand einst der ansehnliche herrschaftliche Sitz der Familie von Winterstedt. Heute ist davon vor Ort nichts mehr vorhanden. Trotzdem regt die spannende Geschichte dieses Ortes die Fantasie an. Nicht zuletzt die Familienhistorie gibt bis heute Rätsel auf...

Fast filmreif könnte sie sein - wäre sie nicht derart in Vergessenheit geraten - die Geschichte der Familie Schenk von Winterstedt in Schwachhausen. Heute erinnern lediglich die einstigen Nebengebäude der Meierei an das alte Gut zu Schwachhausen. Auf den Feldern findet sich noch eine Vielzahl von roten gebrannten Ziegelsteinen, die einst in den Gebäuden des herrschaftlichen Sitzes verbaut waren. 

Schon von Alters her ist Schwachhausen in Karten verzeichnet. Da der Ort bis heute recht überschaubar geblieben ist liegt die Erklärung dafür nahe - es gab in Schwachhausen einst einen adeligen Sitz, der für die entsprechende Relevanz in den historischen Karten sorgte. Schon im Jahr 1330 ist "dat gut to Swechhusen" als ein Lehen des Ritters Balduin von Dahlem verzeichnet. Um 1360 fiel es an Christian von Langlingen. 

Nach dem Schatzregister der Großvogtei Celle von 1438 wurde das Anwesen als Sattelhof von Sander Meyger verwaltet, wobei zwei weitere Höfe in Schwachhausen dem Gut pflichtig waren. Das Schwachhäuser Gut war noch bis ins 17. Jahrhundert Langlingen zugehörig. Mit den Brüdern Ernst von Langlingen (1608) und Eitel von Langlingen (1613) erlosch das Langlinger Adelsgeschlecht jedoch. 

Um diese Zeit entstand eine der ersten kartografischen Nachweise des Ortes Schwachhausen. Im Atlas des Fürstentums Lüneburg verzeichnete Johann Mellinger Schwachhausen als adeligen Sitz. 

Bild: Schwachhausen um 1600. 
Quelle: Mellinger Atlas (Kartenmappe um 1600). 

Nachdem die von Langlingen ausgestorben waren, fiel der Schwachhäuser Besitz an eine Seitenlinie der Familie aus Wiesbaden. Um 1615 erhielt der Celler Hofmarschall Wilhelm von Hodenberg den Besitz und baute an Ort und Stelle den adeligen Sitz aus. 


Nicht ganz eindeutig ist die Beziehung der Dörfer Nordburg und Schwachhausen. In Nordburg stand einst eine Burg bzw. ein ausgebauter Wehrturm. Diese Burg befand sich um im 14./15. Jahrhundert bereits im Besitz der Familie von Hodenberg. Möglicherweise fiel der Schwachhäuser Besitz in diesem Zusammenhang an die von Hodenberg. 


Enge Verbindung zwischen Nordburg und Schwachhausen...

Es liegen Annahmen vor, dass die von Hodenbergs die Nordburg möglicherweise abreißen ließen und sie in Schwachhausen wieder aufbauten, bzw. ihren Sitz in Schwachhausen mit Material aus Nordburg errichteten. In Schwachhausen gab es seit jeher eine alte Allerüberquerung - ob die Wehranlage aus Nordburg hier wieder neu errichtet wurde ist allerdings bislang noch nicht geklärt. Einiges spricht dafür, dass die Familie von Hodenberg zwischen 1450 und 1600 nach Schwachhausen übergesiedelt ist. In dieser Zeit wurde wahrscheinlich auch die Nordburg abgetragen. Die Äcker in Schwachhausen waren um einiges fruchtbarer und der Ort lag an einer wichtigen Handelsverbindung nach Norden. Die Zusammenhänge der einstigen Entwicklungen sind jedoch bislang weitgehend ungeklärt. Zumal der Dreißigjährige Krieg tobte war dies eine sehr wechselvolle Zeit. 


Bild: Verbindung Offensen / Schwachhausen. Quelle: Origines germaniae. 

Wilhelm von Hodenberg starb im Jahr 1625. Die Schwachhäuser Besitzungen gingen auf seine Tochter Elisabeth Ilse von Hodenberg über. Diese heiratete am 7. September 1634 Johann Friedrich Schenk zu Winterstedt. Ilse von Hodenberg verstarb am 21. April 1638. 


Bild: Schwachhausen um 1610. 
Quelle: Ducatus Luneburgensis 1610.  


Die Familie Schenk zu Winterstedt war ein altes, schwäbisches Adelsgeschlecht aus dem Stammschlosse Winterstetten im Württembergischen Oberamte Waldsee (zwischen Biberach und Ravensburg). Von diesem Stammschloss sind kaum noch Spuren zu finden. Das Geschlecht der von Winterstedt kam 1482 in das Braunschweig-Lüneburgischen Kurfürstentum und führte auch hier den freiherrlichen Titel (Freiherr von Winterstedten).  Anfang des 15. Jahrhunderts führte zuerst Eberhard Schenk von Winterstädten der freiherrlichen Adelstitel (Freiherr). Während in Schwaben der Familienstamm ausstarb, wurde er im Braunschweig-Lüneburgischen Kurfürstentum (anderer Familienzweig) fortgeführt. Genannt sei Johann Melchior Schenk von Winterstedt (* 1572, + 1640). Er war bis 1640 markgräflicher badenscher Geheimer Rat, Obervoigt zu Durlach und Amtmann zu Mühlberg und Lindhorst. Johann Melchior wird offiziell als "Herr auf Schwachhausen" genannt. 

Johann Melchior Schenk von Winterstedt war fortan ebenfalls Gutsherr über die Nordburger Bauern - was wiederum für eine enge Verbindung der Schwachhäuser und Nordburger Besitzungen spricht. Am 16. Juli 1662 starb Johann Melchior von Winterstedt auf dem Gut in Schwachhausen - er war bis zu seinem Tod Statthalter der Stadt Celle gewesen. 

Nach dem Dreißigjährigen Krieg begann die Blütezeit des Schwachhäuser Guts. Ein zeitgenössischer Kupferstich des bekannten Kupferstechers Merian aus dem Jahr 1654 zeigt die mehrflügelige Schlossanlage an der Aller. Der Stich entstand aus nördlicher Richtung vom Lohrberg aus mit Blick nach Süden. Das Anwesen ist umgeben von einem Wassergraben. Im Hintergrund zeigt sich, dass die Gegend noch stark bewaldet gewesen sein muss. 

Bild:  Zeitgenössischer Kupferstich. 
Quelle: Casper Merian aus Merian, 1654. 


Der Urenkel des ersten Schenk von Winterstedt in Schwachhausen war der dänische General Christian Christoph Schenk von Winterstedt (1712-1783). Er bewohnte in der Stadt ein Barockhaus in der Bahnhofsstraße 13. Während seiner Militärzeit sollen die Güter in Schwachhausen, Linderst und Holm allerdings stark verwahrlost gewesen sein. Auch das Offensener Gut fiel in dieser Zeit an die Familie von Winterstedt. 


Bild: Schwachhausen um 1706. 
Quelle: Ducatus Luneburgensis 1706.   


Es hält sich bis heute die Legende von den sogenannten "Dänischen Dörfern". Danach sollen die Ortschaften Offensen, Schwachhausen und Nordburg während des Siebenjährigen Krieges durch die französische Besatzung verschont worden sein, da der Schenk von Winterstedt im dänischen Militärdienst stand. Ob dies zutrifft lässt sich aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehen. Belegt ist jedoch, dass die französischen Truppen  im Dezember des Jahres 1757 Aufstellung bei Offensen und Schwachhausen nahmen. Vermutlich gingen sie hier auch über die Aller, um die preußischen Truppen bei Altenhagen einzukesseln. 

Nach Christian Christoph von Winterstedt erbte sein Sohn Carl Ludwig Christian die Schwachhäuser Besitzungen. Mit dessen Tod ging das Anwesen auf Carl Ludwig Friedrich über. In dieser Zeit wurde der Schwachhäuser Gutskrug erbaut (1785). Das Gebäude wurde   im Jahr 2011 aufgrund seiner Baufälligkeit abgerissen. 


Bild: Balkeninschrift am alten Dorfkrug "zum Forsthof" in Schwachhausen. 


Das Anwesen in Schwachhausen muss zu dieser Zeit sehr prächtig ausgestaltet gewesen sein. Die Kurhannoversche Landesaufnahme aus dem Jahr 1780 zeigt unter anderem die Gebäude des Guts und ausgedehnte Gartenanlagen. Diese wurden unter anderem von einem renommierten Gartenmeister aus Celle betreut. 


Bild: Schwachhausen um 1780. Quelle: Kurhannoversche Landesaufnahme 1780 / Overlay Google Earth. 


Christian Ludwig Friedrich war mit Henriette Christine von Gustedt verheiratet. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor - einige verstarben allerdings recht früh. Luise Wilhelmine Philippine schenk von Winterstedt heiratete einen Hauptmann von der Wense. Der einzige Sohn der von Winterstedts fiel am 18.06.1815 in der Schlacht von Waterloo. Damit war der letzte Erbe der Familie von Winterstedt gestorben. 

Obwohl die Geschichte an dieser Stelle beendet sein könnte, beschäftigte sie in der Vergangenheit weiterhin die örtlichen Heimatforscher. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Christian Ludwig Friedrich Schenk von Winterstedt im Jahr 1816, also im Alter von 55 einen männlichen Nachfahren gezeugt haben soll. Bei der Mutter soll es sich um Justine Christine Dorothea Kellner handeln - eine damals 25 jährige Pastorentochter aus Bröckel. 

Demnach wäre der letzte Schenk von Winterstedt ein Jahr nach dem Tod seines Erben nochmals Vater geworden. Die Hinweise darauf sind vielfältig - auch in den Ortsfamilienbüchern wird die Verbindung als plausibel unterstellt. 

Bild: Familienbeziehungen Prieß / Winterstedt. Archiv H. Altmann.  

Als Sohn aus der Beziehung zwischen dem letzten Schenk von Winterstedt und der Pastorentochter Kellner soll der Sohn Heinrich Prieß hervorgegangen sein. Zwar wurde laut dem Isernhagener Kirchenbuch ein Conrad Heinrich Prieß als Vater angegeben - das Kind war allerdings unehelich. Der letzte Schenk von Winterstedt sorgte sich auffällig fürsorglich um den kleinen Heinrich, denn er setzte ihn als Alleinerben eines, vom Gut in Schwachhausen ausgesonderten Vollhofes, ein. 

Doch auch diese Verbindung konnte die Familienline der von Wintersteins in Schwachhausen nicht fortsetzen. Am 5. März 1838 starb Christian Ludwig Friedrich Schenk von Winterstedt als letzter seines Hauses in Schwachhausen. Er wurde in Wienhausen beigesetzt. 

Bereits einige Monate später, an einem Sonntag, den 15. Juli 1838 fand eine Versteigerung des Inventars des ehemaligen Guts in Schwachhausen statt. 

Bild: Versteigerung in Schwachhausen. Cellesche Anzeigen vom 07.07.1838.  


Da das Schwachhäuser Anwesen nicht vererbt worden war und sich keine Nachfahren der Familie mehr auffinden ließen, fiel es als Lehn dem König zu. Seitens der Krone wurden die Ländereien und Gebäude zunächst verpachtet. 17 Einwohner aus Schwachhausen teilten sich über die nächsten sieben Jahre, also bis etwa 1845 den einstigen Gutsbesitz zu Schwachhausen. 

Dann schenke der König einem Hauptmann von Meding das Schwachhäuser Gut. Dieser verkaufte es wiederum an den Ökonom Hoppe aus Wienhausen. Er ließ Teile der Gebäude in Schwachhausen abbauen und auf seinem Grundstück in Wienhausen neu aufbauen. Noch heute steht in Wienhausen unweit des Klosters ein Teil des alten Guts aus Schwachhausen. 

Die Verkoppelungskarte aus dem Jahr 1860 zeigt das Anwesen bei Schwachhausen bereits nachdem ein Teil der Gebäude abgebaut worden war. 
Bild: Schwachhausen um 1860. Quelle: Verkoppelungskarte 1860.  


Scheinbar hatte auch der Ökonom Hoppe keine weitere Verwendung für die in Schwachhausen verbliebenen Reste des Guts. Er verkaufte sie daher an Johann Robert Paulsen. Dieser verkaufte es wiederum am 25. Februar 1876 an den Juden Sigismund Katzenstein. Bereits am 29. Juni 1855 war festgehalten worden, dass die Landtagsfähigkeit des Schwachhäuser Guts erloschen war. Damit durfte der Gutsbesitz geteilt werden. 

Katzenstein parzellierte den einstigen Gutsbesitz und verkaufte ihn für insgesamt rund 120.000 Mark. 
Bild: Beschluss vom 29.juni 1855. Quelle: Archiv Altmann.  


Die Nebengebäude wurden daraufhin weitgehend abgerissen. Aus der Verkoppelungskarte von 1860 geht hervor, dass einige Gebäude noch mit Stroh gedeckt waren. Aufgrund der einfachen Bausubstanz blieb von diesen Gebäuden nichts erhalten. 

Spätere Karten aus dem 20. Jahrhundert zeigen das einstige Gut bereits als einsam gelegenen Hof bei Schwachhausen. Von den ursprünglichen Gebäuden blieben lediglich Teile der früheren Meierei erhalten. 

Bild: Schwachhausen um 1900. Quelle: Preußische Landesaufnahme.  


Heute erinnert kaum noch etwas an die Blütezeit des alten Schwachhäuser Guts. Die Flächen ringsherum werden bereits seit Jahrzehnten unter den Pflug genommen. Immer wieder kommen dabei kleinere oder größere Bruchstücke des einstigen Anwesens bzw. seiner Nebengebäude zum Vorschein. 

Von den ehemaligen Gartenanlagen ist nichts mehr zu sehen. Die Gräben, welche auf dem Merianstich von 1654 erkennbar sind, wurden bereits vor langer zeit verschüttet und auch die Zufahrt von einst gibt es heute nicht mehr. 

Bild: Schwachhäuser Gut heute. Quelle: H. Altmann.   


Bild: Schwachhäuser Gut heute. Quelle: H. Altmann.   


Mittlerweile existieren nur noch wenige Spuren vom einstigen herrschaftlichen Sitz in Schwachhausen. Als Verlängerung der Zufahrt zum einstigen Gut kann der heutige Lindenweg angesehen werden. Dicke Eichen deuten noch immer den Weg an, der früher direkt auf das Gut zuführte. 
Bild: Lindenweg heute. Quelle: H. Altmann. 


Die in Wienhausen durch den Ökonom Hoppe wieder aufgebauten Teile des Schwachhäuser Guts sind die letzten Reste des einstigen Anwesens. Leider werden sie bisweilen durch Veranstalter der jährlichen "Gourmet & Garden" Events als vermeintliches Wienhäuser Gut beworben. Seitens des Veranstalters wird damit unglücklicherweise eine latente Ignoranz gegenüber den historischen Fakten an den Tag gelegt. 

Für nachfolgende Generationen scheint es daher unerlässlich die Geschichte des Schwachhäuser Guts festzuhalten. Einst befand sich hier ein wichtiger adeliger Sitz, der auf eine ausgeprägte Historie zurückblicken kann. Heute mögen die Zusammenhänge nicht mehr präsent sein - sie sind jedoch für die geschichtliche Entwicklung in der Region keinesfalls zu vernachlässigen. 


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